Flashback

Der Western als Schlüssel zum Verständnis der US-Geschichte: John Fords Meilenstein „The Searchers“

Das Tageblatt präsentiert in der losen Film-Serie „Flashback“ Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum feiern – so wie John Fords „The Searchers“ von 1956. Was den Klassiker ausmacht.

Landschaft des Monument Valley mit roten Sandsteinfelsen, bekannt aus John Fords Westernfilmen

Das Monument Valley: Schauplatz vieler Western von John Ford Foto: Moyan Brenn

Wer die USA von heute besser verstehen möchte, sollte sich Western anschauen. Das Genre ist durch die Archetypen der Mythologie Amerikas gekennzeichnet: der Mythos der „frontier“, der Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, und jener der „regeneration through violence“, der permanenten Erneuerung und Wiedergeburt Amerikas aus und durch Gewalt im Kampf von Gut und Böse. Der französische Filmkritiker André Bazin hat es bereits in einem Essay von 1953 auf den Punkt gebracht: „Le western est le cinéma américain par excellence.“ Er definiert ihn als „la forme cinématographique idéale, fusionnant mythe, histoire et mouvement“ und betrachtet ihn als einziges Genre „né avec le cinéma, capable de résister aux influences extérieures grâce à sa structure mythologique et spectaculaire“.

Der US-Kulturhistoriker Richard Slotkin setzte in seinem Buch „Gunfighter Nation“ die Entwicklung des Genres – die meisten Western spielen in der Phase zwischen 1865 und 1890 – mit der amerikanischen Geschichte gleich. Die Westernfilme spielen in einem Spannungsfeld zwischen Wildnis und Zivilisation, Natur und Stadt, Naturrecht und Gesetz, Freiheit und Bindung sowie zwischen weißen Siedlern und den Ureinwohnern, den Native Americans. Die beiden deutschen Filmwissenschaftler Norbert Grob und Bernd Kiefer bestätigten in ihrer Analyse des Western-Kinos von 2003: Das Genre diene als Schlüssel zum besseren Verständnis der US-amerikanischen Geschichte und Gegenwart. Besonders die Filme von John Ford (1894-1973) sind in dem Übergang von Geschichte und Mythos angesiedelt. „Ford zeigt beides: die Realität und die Legende, die sich von ihr unabhängig macht, den Widerspruch zwischen Wunsch und Notwendigem“, so die deutsche Filmkritikerin Frieda Grafe in einem Artikel über den US-Regisseur. „Er zeigt, wie Mythen entstehen.“

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