Im Kino
Keine Thesen, keine Antworten: „Silent Friend“ ist ein Film der Kontemplation
Nach „Körper und Seele“ kehrt Ildikó Enyedi zu einem Kino zurück, das sich weniger für Handlung als für Wahrnehmung interessiert. Was zunächst wie ein Film über Pflanzenforschung erscheint, entwickelt sich zunehmend zu einer Reflexion über Zeit, Aufmerksamkeit und die Möglichkeit einer nicht beherrschenden Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Ein Neurowissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai) untersucht am alten Ginkgobaum die elektrischen Aktivitäten von Pflanzen Quelle: Pandora Film
In drei lose miteinander verbundenen Episoden, die vom frühen 20. Jahrhundert über die 1970er-Jahre bis in die Gegenwart reichen, beobachtet die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi Menschen, deren Leben sich um einen alten Ginkgobaum im Botanischen Garten der Universität Marburg kreuzen. Der Baum wird dabei weniger zum Symbol als zu einem stillen Gegenüber. Er verbindet die Geschichten und eröffnet eine Perspektive, in der menschliche Zeit nur noch als kurzer Ausschnitt innerhalb eines größeren Zusammenhangs erscheint.
Im Zentrum der Gegenwartsebene steht ein aus Hongkong stammender Neurowissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai), der nach Experimenten mit Säuglingen beginnt, die elektrischen Aktivitäten von Pflanzen zu untersuchen. Die Frage, ob sich Bewusstsein oder Empfindung jenseits des Menschen denken lassen, beantwortet der Film nie eindeutig. Stattdessen öffnet Enyedi einen Denkraum, in dem naturwissenschaftliche Neugier und philosophische Spekulation nebeneinander bestehen können. Das Übernatürliche bleibt dabei vollständig ausgespart. Entscheidend ist allein die Bereitschaft, einer Welt Aufmerksamkeit zu schenken, die sich menschlicher Sprache entzieht (siehe „T“ vom 1.7.2026).