AfD vor Sieg bei Landtagswahl

Deutschlands Brandmauer wackelt bei der Wahl in Sachsen-Anhalt

Eine Brandmauer sollte die AfD von der politischen Teilhabe ausschließen. Jetzt steht die Partei vor ihrem bisher größten Wahlsieg. Zu ihrem Aufstieg haben auch die etablierten Parteien beigetragen.

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidatin der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wartet im ZDF-Morgenmagazin auf den Beginn der Übertragung

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidatin der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wartet im ZDF-Morgenmagazin auf den Beginn der Übertragung Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Magdeburg. Der rasante Aufstieg der rechtspopulistischen AfD in Deutschland steht vor seinem nächsten Höhepunkt. Die Parlamentswahl am Sonntag im ostdeutschen Sachsen-Anhalt wird höchstwahrscheinlich die zweite auf Ebene eines deutschen Bundeslandes sein, die die Partei gewinnt. In Umfragen liegt sie seit Monaten haushoch vorn.

Eine absolute Mehrheit sieht angesichts von Umfragewerten von zuletzt bis zu 43 Prozent unwahrscheinlich aus, eine Koalition schließen die anderen Parteien aus. Aber wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht käme, würde damit erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rechtsaußenpartei die Regierung eines Bundeslandes bilden.

Die sogenannte Brandmauer sollte das eigentlich verhindern – die Taktik der demokratischen Parteien, der AfD die Kooperation zu verweigern und sie damit von der politischen Teilhabe auszuschließen. Auch wenn es jetzt in Sachsen-Anhalt – wie schon 2024 in Thüringen, als sie mit 9,2 Prozentpunkten Abstand vor der CDU gewann – nicht zur ersten Regierungsbeteiligung der AfD kommen sollte, scheint der Plan nicht aufgegangen zu sein.

AfD-Kandidat gefällt sich als „gefährlichster Mann Deutschlands“

Die erst vor 13 Jahren gegründete AfD (Alternative für Deutschland) ist seit der Wahl vom Februar 2025 zweitstärkste Kraft im deutschen Parlament, dem Bundestag. Auch im ebenfalls ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September das Parlament – der Landtag – gewählt wird, liegen die Rechtspopulisten in den Umfragen vorn.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel machte eine Ausgabe im August mit einem Bild des AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, und dem Titel „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ auf. Siegmund bezeichnete das Cover als „sehr gute Werbung“ und teilte auf Instagram eine Videosequenz, in der er es signiert.

Merz-Partei hinter AfD abgerutscht

Als die Regierung des christdemokratischen Kanzlers Friedrich Merz im Mai vergangenen Jahres antrat, war es eines ihrer erklärten Ziele, den Aufstieg der AfD zu stoppen. Die Koalition von Christ- und Sozialdemokraten sei die „letzte Patrone der Demokratie“, sagte der Chef der an der Regierung beteiligten CSU und Ministerpräsident des Bundeslandes Bayern, Markus Söder.

Inzwischen liegen die Christdemokraten auch in deutschlandweiten Erhebungen deutlich hinter der AfD – diese kam bei einer Umfrage des Instituts Insa vor wenigen Wochen als Spitzenreiterin auf 28 Prozent, die Union (Merz’ CDU und die CSU) auf 20 Prozent. Die Koalitionspartnerin, die sozialdemokratische SPD, lag bei 12 Prozent. Die Sympathiewerte des Regierungschefs sind unterirdisch.

Merz gibt bisweilen Bemerkungen ab, die nach Ansicht von Kritikern auch von einem Rechtspopulisten stammen könnten. Etwa als er im vergangenen Oktober zur Migrationspolitik sagte: „Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“.

Demokratische Parteien können rechte Themen normalisieren

Mit solchen Äußerungen spielt der Kanzler der AfD in die Karten. Das geht aus einer Studie zweier Politikwissenschaftler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) vom vergangenen Oktober hervor. Diese untersuchten, wie Themen der extremen Rechten Eingang in die öffentliche Debatte finden.

„Wenn demokratische Parteien Themen, die früher als Randthemen einer extremen Rechten galten, übernehmen und auf deren Agenda-Setzung reagieren, besteht die Gefahr einer Normalisierung dieser Themen und einer Verschiebung des öffentlichen Diskurses“, sagte eine der beiden Autoren, Teresa Völker, der dpa.

Die Diskussion um die Brandmauer sei selbst zu einem Teil der politischen Kommunikation und Strategie geworden. „Die AfD kann die Debatte nutzen, um sich als ausgegrenzt und als Opfer darzustellen.“

Ablehnung der Brandmauer bei den Christdemokraten

Die Brandmauer ist vor allem für die Christdemokraten ein Thema, da sie sich am rechten Rand der politischen Mitte befinden. Längst nicht alle in der Union sind mit ihr einverstanden.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Saskia Ludwig etwa hat sich gegen die Brandmauer ausgesprochen. Im vergangenen Jahr wurde sie in Ungarn dabei fotografiert, wie sie bei einer Veranstaltung einer Denkfabrik, die der damaligen Orban-Regierung nahestand, die AfD-Co-Chefin Alice Weidel herzlich begrüßte.

Der sachsen-anhaltische CDU-Kommunalpolitiker Bernd Prange spendete der AfD 10.000 Euro und sprach eine Wahlempfehlung für sie aus. Er begründete das mit „tiefer Sorge um unser Land“ und führte die Brandmauer als Beispiel für einen angeblichen Linkskurs seiner Partei an.

Die Brandmauer bröckelt

Nach einer Recherche der dpa hat die konservative EVP im Europaparlament – der auch CDU und CSU angehören – mit rechten Fraktionen – darunter die, zu der die AfD gehört – gemeinsam an einem Gesetzesvorschlag zur Verschärfung der Migrationspolitik gearbeitet.

Die Brandmauer bröckelt also womöglich schon seit längerem. Nun erklären prominente Stimmen der deutschen Politik sie für gescheitert. Sigmar Gabriel, der frühere Chef der sozialdemokratischen SPD, sagte der dpa: „Wenn zwischen 20 und 40 Prozent einer Wahlbevölkerung bereit sind, AfD zu wählen, dann hat das Feuer sich bereits kräftig ausgebreitet.“

Er plädierte dafür, endlich die „echten Probleme“, die den AfD-Erfolg beflügelten, nicht mehr wegzudiskutieren oder totzuschweigen, sondern anzupacken. Der Ex-Außenminister riet den etablierten Parteien unter anderem, sich sozialen Problemen zuzuwenden und etwa Debatten um die Sprache und das Gendern zu beenden.

Fatale Auswirkungen auf die Demokratie

In der Studie von Völker und ihrem Co-Autor Daniel Saldivia Gonzatti geht es nicht um die eigentliche Brandmauer, wohl aber um eine Art diskursive. Eine solche Brandmauer umzusetzen, bedeute, rechtsextreme Inhalte nicht zu reproduzieren, sagte Völker.

„Wer die Deutungsrahmen und Themen der extremen Rechten übernimmt, fördert deren Verbreitung und bietet rechtsextremen Ideologien eine Plattform. Das hat fatale Auswirkungen auf unsere Demokratie.“

3 Kommentare
Fraulein Smilla 05.09.202619:14 Uhr

Die AFD hat es sich lange genug hinter der sogenannten Brandmauer bequem gemacht . -Was die Spiegel Titelstory -Der gefaehrlichste Mann Deutschlands angeht , ein journalistischer Supergau . Dass Siegmund diese Steilvorlage , manche reden von Ritterschlag dankbar annimmt kann man ihm nicht veruebeln . Rudolf Augstein waere das bestimmt nicht passiert .

Dunord Hagar 05.09.202616:43 Uhr

Die AfD ist weder rechtsextrem noch gefährlich... sie bringt ganz einfach nur das rüber was die Bürger bewegt und was ihnen Sorgen macht. Sorgen einer verfehlten Merkel, Scholz und Merz Regierung. Sei es Wirtschaft, Steuern, Arbeitszeiten, Rente, Einwanderung, Ukraine, Energie- und Lebenshaltungskosten... kurz, die oben genannten Herrschaft haben Deutschland an den Rand des Staatsbankrottes gebracht und es braucht neue Politiker die nicht für sich, sondern für die Bürger arbeiten.

Guy Mathey 05.09.202615:59 Uhr

Eigentlich müssten faschistische Parteien wie die AFD längst verboten sein, verachten sie doch Demokratie sowie Menschenrechte abgrundtief, verbreiten Hass und Hetze. In Deutschland scheiterte ein solches Verbot bislang an der CDU/CSU, welche vorgibt die AFD mit politischen Mitteln bekämpfen zu wollen. In Wahrheit sind in der CDU/CSU mittlerweile Kräfte an der Macht, die dem Gedankengut der AFD gefährlich nahe stehen und die insgeheim eine Kooperation mit den Faschisten wünschen, sich allerdings nicht bewusst sind, dass eine derartige Kooperation sie verschlingen wird. Ein besonders gefährlicher Akteur ist übrigens der EVP-Chef Manfred Weber (CSU) in dessen Schlepptau im EU-Parlament auch bereits Luxemburger CSV EU-Abgeordnete gemeinsam mit den Faschisten abgestimmt haben (siehe etwa das schändliche Migrationspakt). Man sieht demnach die sogenannte Brandmauer ist nicht bloss in Deutschland mittlerweile reinstes Wunschdenken...

Das könnte Sie auch interessieren

Neues Strategiepapier

Die EU will sich stärker in der Arktis engagieren

France/Manifestations

Le pouvoir veut reprendre la main, mais craint un nouveau week-end difficile