Katastrophe auf Schnellbahnstrecke
Mindestens 39 Menschen sterben bei Zugunglück im Süden Spaniens
Erst am Morgen danach wird das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich: Mindestens 39 Menschen kamen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt, viele davon schwer.
Rettungskräfte am Ort des Unglücks Foto: AFP
Spanien steht unter Schock. Es ist das schwerste Zugunglück in Spanien seit Jahren – und es erschüttert den guten Ruf des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes, das bisher international als sicher und vorbildlich galt.
Das Unglück ereignete sich am Sonntagabend in der Dämmerung gegen 19.45 Uhr auf der Schienenstrecke zwischen der andalusischen Badestadt Málaga und der Hauptstadt Madrid, nahe dem 4.200-Einwohner-Dorf Adamuz in der südspanischen Provinz Córdoba.
Die letzten drei Waggons des Zugs 6189 (Málaga–Madrid) der privaten Bahngesellschaft Iryo mit 317 Passagieren an Bord entgleisten – aus bislang ungeklärter Ursache. Die aus den Schienen gesprungenen Wagen gerieten auf das Nachbargleis. Genau in diesem Moment kam dort mit rund 200 Stundenkilometern der Zug 2384 (Madrid–Huelva) des staatlichen Bahnunternehmens Renfe, der mit etwa 100 Passagieren in die Gegenrichtung fuhr und in die entgleisten Waggons krachte.
Den Rettern bot sich ein grauenhaftes Bild: Ineinander verkeilte Wagen, mehrere Waggons waren einen vier Meter tiefen Bahndamm hinabgestürzt, dazwischen Tote und Verletzte. Durch die Wucht des Aufpralls waren Zugteile und Opfer über mehrere hundert Meter verteilt.
„Ein chaotisches Szenario“, berichtete Rafael Moreno, der Bürgermeister von Adamuz. Feuerwehrleute, Soldaten und freiwillige Helfer arbeiteten die ganze Nacht, um Menschen zu bergen. Viele Opfer waren eingeklemmt. Teilweise musste schweres Gerät eingesetzt werden, um Verletzte zu befreien und Tote zu bergen. Die Zahl der Todesopfer könnte noch weiter steigen.
Ein Dorf wird zum Rettungszentrum
Unter den Toten befindet sich auch der Lokführer des Zuges 2384, der von Madrid kommend Richtung Huelva unterwegs war. Er konnte den Zusammenprall mit den entgleisten Waggons des in die Gegenrichtung fahrenden Zuges nicht vermeiden.
Das nicht weit vom Unglücksort liegende Dorf Adamuz, sonst ein ruhiger Ort im Olivenland, verwandelte sich in dieser Katastrophennacht in ein improvisiertes Rettungszentrum. Bewohner brachten Wasser, Decken, Taschenlampen. Privathäuser wurden zu Notunterkünften.
„Am Anfang waren kaum Sanitäter da. Wir haben einfach gemacht, was wir konnten“, berichtete eine Anwohnerin namens Raquel. „Von überall hörte man Schreie“, sagte ein weiterer Bewohner, der als einer der Ersten an der Unglücksstelle war. Die örtliche Sporthalle wurde zur Sammelstelle für Überlebende.
Warum entgleiste der Zug? Diese zentrale Frage bleibt am Montag zunächst ohne Antwort. Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente sprach noch in der Nacht von einem „äußerst seltsamen“ Unfall. Der Unglückszug sei praktisch neu gewesen, Baujahr 2022. Erst vier Tage zuvor sei er gewartet worden. Auch die Schienenstrecke sei erst im Mai 2025 für rund 700 Millionen Euro erneuert worden.
„Ungewöhnliche“ Umstände
„Der Zug fing zunächst an zu vibrieren, dann gab es harte Schläge, die Koffer fielen aus den Ablagen“, erzählte eine Überlebende. „Dann kam eine Notbremsung, das Licht ging aus.“ Ein anderer Passagier sagte über die Sekunden vor dem Unglück: „Der Zug schwankte hin und her.“
Inzwischen wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt. Der Präsident der staatlichen Bahngesellschaft Renfe, Álvaro Fernández Heredia, warnte am Montag vor Spekulationen über die Unfallursache, nannte die Umstände aber „ungewöhnlich“. Nach Angaben Heredias sei der Unfall schwer erklärbar, weil er sich „auf einer geraden Strecke ereignet hat, auf einem Abschnitt mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde“.
Der eine Zug sei mit 205, der andere mit 210 Stundenkilometern unterwegs gewesen, „es handelte sich also nicht um ein Problem überhöhter Geschwindigkeit“. Zudem sei die Strecke mit einem Sicherheitssystem ausgerüstet, „das menschliche Fehler verhindert“. Es sei daher möglich, dass es ein Problem beim Zug oder an der Gleisanlage gegeben haben.
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez sagte am Montag alle Termine ab und reiste zur Unglücksstelle. Sánchez und Staatsoberhaupt König Felipe drückten den Familien der Toten ihr Beileid aus. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Andalusien bleibt für mehrere Tage gesperrt.