Frauen in der Lokalpolitik
Annie Nickels-Theis: „Ich sage nie wieder nie“
Zwei Mal im Laufe ihrer politischen Karriere sagt Annie Nickels-Theis (54) spontan zuerst „nie“. Beim ersten Mal kommt sie schließlich doch im Jahr 2000 in den Gemeinderat ihrer Heimatgemeinde Burscheid. Und trotz „nie“ für das Amt der Bürgermeisterin ist sie aktuell in der vierten Mandatsperiode und gehört damit in die Riege der Dienstältesten Rathauschefs.
Für Annie Nickels-Theis, Bürgermeisterin der Landgemeinde Burscheid, geht die Lokalpolitik vor der Nationalpolitik Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Annie Nickels-Theis war und ist nicht nur als Lokalpolitikerin aktiv. Ein Blick auf ihre sonstigen Engagements – Präsidentin der „Femmes chrétiennes-sociales“ (CSF), Vize- und dann Präsidentin des Nationalrats der Frauen (CNFL) – erweckt den Eindruck, hier ist eine Feministin am Werk. Die Zuschreibung lehnt sie für sich ab. „Eine Aktivistin bin ich nicht“, sagt sie, die nie eine Quotenfrau sein wollte und will.
Sie steht auf dem Standpunkt: „Die Leistung muss für sich sprechen.“ Sie weiß, dass die Forderung nach 50 Prozent Frauen in Politik und Entscheidungsgremien immer noch ein Ideal ist. Bei den christlich-sozialen Frauen und beim CNFL wollte sie mit ihrem Engagement die Berührungsängste von Frauen mit Lokalpolitik, der Politik insgesamt, abbauen.
Vor 30 Jahren startet sie in der Lokalpolitik
Auch heute noch will sie Frauen ermuntern, sich politisch zu engagieren, denn ausgewogen ist es immer noch nicht. Aktuell gibt es 17 Bürgermeisterinnen in den 100 Gemeinde des Landes. Fünf davon sitzen in Gemeinden, die geografisch von Rambruch, Esch/Sauer über Burscheid, Tandel und bis Pütscheid fast nebeneinander auf einem Breitengrad liegen.
„Wir bilden so etwas wie einen Riegel, um das Ösling zu schützen“, sagt sie über die alten und neuen „Nord“-Frauen in den Rathäusern. Als vor 30 Jahren ihr Vater stirbt, der wie schon sein Vater im Gemeinderat sitzt und früh die Tochter in der Lokalpolitik sieht, entscheidet sie sich für Engagement.
Trotz ihrer anfänglichen Reaktion „nie“ kandidiert sie bei den Gemeindewahlen im Jahr 1999 – zunächst als „Parteilose“ – für den Burscheider Gemeinderat. Ihr Ehemann und ihre Mutter ermuntern sie dazu, sich das mit einem gerade geborenen Baby und einem einjährigen Kleinkind zuzutrauen. „Ohne diese Unterstützung wäre es nicht gegangen“, sagt sie und entscheidet sich damals, die Familientradition der Männer in ihrer Familie fortzusetzen.
Mit zwei kleinen Kindern wird sie Rathauschefin
Fünf Jahre später geht sie trotz eines weiteren, anfänglichen „nie“ als Meistgewählte aus den Kommunalwahlen hervor. Auch da sind ihre Kinder noch klein und es gibt mehr oder weniger offene Kommentare. „Mit so kleinen Kindern, sie brauchen ihre Mutter …“, Frauen in Positionen mit Verantwortung um die Jahrtausendwende kennen das.
Seit 2006 hat sie – entgegen der DP-Familientradition – die CSV-Parteikarte. Damals hat Burscheid mit den insgesamt acht Ortschaften rund 1.100 Einwohner. Heute sind es rund 1.760. Damals wie heute kann sie nicht auf einen Mitarbeiterstab von mehreren Dutzend Mitarbeitern zurückgreifen.
Sieben Mitarbeiter hat sie aktuell im Rathaus und Großereignisse wie den Besuch der großherzoglichen Familie zum Nationalfeiertag im Jahr 2019 in ihrer Gemeinde organisiert sie fast im Alleingang. Der Begriff „Gleichberechtigung“ liegt ihr näher als Feminismus. In Burscheid klappt es allerdings weniger damit.
Lokalpolitik geht vor der Nationalpolitik
Trotz ihrer langen Dienstzeit, es sind jetzt 26 Jahre im Gemeinderat, ist sie die einzige Frau unter acht männlichen Kollegen. Ein Manko ist das für sie nicht. Sie weiß, sich durchzusetzen und besonnen die Interessen der Landgemeinde zu verteidigen. Sie setzt auf Konzilianz und kennt die Spielregeln. Besonnenheit ist eine ihrer Stärken.
Wenn sie eine Schwäche hat, dann die, dass sie schlecht „Nein“ sagen kann, sagt sie über sich selbst. Das macht sie erst 2024. Sie will sich ganz auf die Gemeindepolitik konzentrieren und zieht sich aus Ämtern wie Mitglied im Bezirksvorstand der CSV Norden oder als Bezirks- und Nationalpräsidentin der CSV-Frauen zurück.
„Es war einfach zu viel“, sagt der Vereinsmensch Nickels-Theis. „Aber ich werde nie wieder nie sagen“, sagt sie und macht den Scherz: „Das ist für mich nicht gut ausgegangen.“ Eine weitere Schwäche von ihr im Sinne einer Leidenschaft ist die Burg in Burscheid. Dort ist die Präsidentin der „Schlassfrënn“ fast jeden Tag, wie sie sagt.
Gegnerin der Doppelmandate
2025 verzeichnet das Bauwerk 150 Meter über der Sauer 45.000 Besucher. „Ich bin sehr stolz, dass die Burg eine der einzigen Sehenswürdigkeiten im Land ist, die 365 Tage im Jahr offen hat“, sagt sie. Die Besucherzahlen schnellen vor allem anlässlich der „Vakanz doheem“-Initiative des Tourismusministers während und nach der Pandemie in die Höhe.
Jeder kennt die Saarschleife, aber kaum jemand die Schleife der Sauer
Annie Nickels -Theis
Bürgermeisterin in Burscheid
Zeitweise lösen Besucher aus Luxemburg die sonstigen Spitzenreiter, Niederländer und Belgier, ab. Burscheid mit seinen sechs Hotels und drei Campingplätzen lebt vom Tourismus und der Landwirtschaft. „Jeder kennt die Saarschleife“, sagt sie. „Aber kaum jemand die Schleife der Sauer.“ Da ist sie bei ihrem Lieblingsplatz, dem Aussichtspunkt „Gringlee“, wo sie auf der Bank mit der Aussicht über Schleife, Tal und die Burg den Kopf frei bekommt.
Sie ist fest beheimatet in Burscheid, liebt die Gemeinde und das, was sie bietet. Deshalb hat bei ihr die Lokalpolitik Vorrang vor der Nationalpolitik. Ein einziges Mal kandidiert sie auf der Nordliste der CSV bei den Nationalwahlen 2017 entgegen ihrer Überzeugung. Es ist Parteiraison und sie weiß, dass sie den Einzug in die Chamber nicht schaffen wird.
„Das war mit Martine Hansen, Marco Schank, Aly Kaes, Jean-Paul Schaaf oder Charel Weiler eine richtig starke Liste“, sagt sie rückblickend. Es ist ihr recht. Sie ist kein Fan des Doppelmandats als „Deputé-Maire“. Vor den Nationalwahlen 2023 spricht sie sich in einem Facebook-Post klar dagegen aus. Für sie als Bürgermeisterin mit Leib und Seele einer Landgemeinde im Norden wäre und ist das nichts. Ihr Kommentar zur Riege der Dienstältesten ist knapp. „Wir haben Ausdauer“, sagt sie.
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