Alta schlägt Alarm

„Luxemburgs Filmsektor stand noch nie so schlecht da wie heute“

Die luxemburgische Schauspielerin Vicky Krieps gilt als Exportschlager. Koproduktionen aus dem Großherzogtum räumen bei Festivals ab. Der Luxemburger Filmsektor boomt. Oder? Carlo Thiel, Präsident der „Association luxembourgeoise des techniciens de l’audiovisuel“, schlägt Alarm.

Sieht die Lage des Luxemburger Filmsektors kritisch: Carlo Thiel, Präsident der Association luxembourgeoise des techniciens de l‘audiovisuel (Alta)

Sieht die Lage des Luxemburger Filmsektors kritisch: Carlo Thiel, Präsident der „Association luxembourgeoise des techniciens de l‘audiovisuel“ Foto: Miguel Moutinho De Sousa

„Luxemburg genießt aktuell ein so gutes Ansehen wie noch nie zuvor“, sagte Guy Daleiden, Direktor des Film Fund Luxembourg, im Tageblatt-Interview über Luxemburgs audiovisuelle Industrie. Eine Aussage, für die Carlo Thiel, Kameramann und Präsident der „Association luxembourgeoise des techniciens de l’audiovisuel“(ALTA), nur ein müdes Lächeln übrighat. „Luxemburgs Filmsektor stand noch nie so schlecht da wie heute“, kontert er im Gespräch mit dem Tageblatt.

Besonders hinter der Kamera spitze sich die Situation zu, meint Thiel: „Es verschwinden nach und nach zentrale Firmen – und mit ihnen wichtige soziale Treffpunkte wie Tonstudios oder Verleiher. Das gefährdet Strukturen, die über 40 Jahre hinweg aufgebaut wurden. Viele Techniker haben aufgehört, weil sie finanziell nicht mehr über die Runden kommen.“

Historischer Bankrott

Das liege nur bedingt an der Insolvenz nationaler Produktionsfirmen wie Wady Films (2025) oder Paul Thiltges Distributions(2026; PTD). Auch die Liquidierung der Fortuna Banque (2023) habe sich eher auf die Produktionshäuser ausgewirkt, sagt Thiel. PTD nannte sie der Presse gegenüber als Auslöser seiner finanziellen Not. Kein Einzelfall, gibt Thiel zu verstehen. „Der ehemalige Direktor der Fortuna Banque, Nicolas Rollinger, war dem Filmsektor verbunden. Er hatte sogar eine eigene Produktionsfirma: Equinox Productions“, erinnert er sich. Rollinger leitete die Bank bis 2009. Filmproduktionen erhielten in der Zeit leicht Kredite. „Nach der Schließung der Bank waren Produktionsfirmen aus Luxemburg gezwungen, Kredite im Ausland aufzunehmen, zu Zinsen im zweistelligen Bereich. Unsere Arbeitsbedingungen waren allerdings schon vorher schwierig“, unterstreicht Thiel.

Carlo Thiel beim Gespräch mit dem Tageblatt

Carlo Thiel beim Gespräch mit dem Tageblatt Foto: Miguel Moutinho De Sousa

An der Stelle lohnt sich ein Blick auf die Gründungsgeschichte der ALTA. Der Verband entstand 2008, inmitten der Finanzkrise in Luxemburg. Die Filmförderung basierte damals noch auf dencertificats d’investissements audiovisuels“, die 1988 eingeführt wurden: Privatpersonen konnten in Filmprojekte investieren und erhielten dafür Steuervorteile. „Viele Luxemburger Firmen überschätzten sich und gingen hohe Risiken ein“, sagt Thiel. Filmprojekte floppten, die Produktionsfirma Carousel Pictures war 2006 insolvent.

Mit dem Rückgang der Wirtschaft nahm auch das Interesse an den Zertifikaten ab, bis das Modell schließlich 2014 durch die „Aide financière sélective“ (AFS) – und somit durch die Vergabe öffentlicher Gelder durch ein Auswahlkomitee – des Film Fund ersetzt wurde. In der Zwischenzeit blieben die Gehälter der Techniker*innen oft aus oder ließen Monate auf sich warten. „Einzelpersonen hatten vor Gericht keine Chance, die Beträge einzufordern“, so Thiel. „Außergerichtliche Einigungen funktionierten nicht. Die Finanzkrise verschärfte die Situation.“ 19 Gründungsmitglieder lancierten daraufhin den Verband, inzwischen sind über 120 Personen Teil davon.

Es ist kompliziert

Das Verhältnis zur Politik war in der Vergangenheit angespannt. Der audiovisuelle Sektor unterstand bis 2023 dem „Service des médias“ des Staatsministeriums. Heute fällt er auch in den Zuständigkeitsbereich des Kulturministeriums. „Wenn wir als ALTA um Gespräche im Staatsministerium baten, hieß es früher oft: ‚Gitt Iech eens.‘ Mit dem Wechsel zum Kulturministerium hat sich die Situation grundlegend verbessert“, sagt Thiel. „Wir haben jetzt eine Ansprechpartnerin, die sich ernsthaft für das Kino in Luxemburg interessiert. Wir fühlen uns das erste Mal seit Langem gehört.“

Ein Film mit Luxemburger Beteiligung, der in Cannes gewinnt, ist schön – aber wenn er hier im Land kaum jemanden beschäftigt, stärkt das die lokale Industrie nicht

Carlo Thiel

Präsident der ALTA

Trotzdem steht der Sektor erneut vor dem Scheideweg. „2026 ist ein entscheidendes Jahr für unsere Branche“, unterstreicht Thiel. Arri Rental, ein Unternehmen, das technisches Film-Equipment verleiht, schließt demnächst nach über 20 Jahren seinen Standort in Luxemburg. Weitere Firmen im Bereich der Postproduktion kämpfen ums Überleben und mussten bereits Personal entlassen, weiß Thiel. „Durch die Gesamtsituation kommt es oft zu Verschiebungen und Ausfällen. Wenn ein Drehstart kurzfristig verlegt wird oder platzt, verlieren Techniker Jobs“, sagt er. „Im Gegensatz zum Ausland, gibt es in Luxemburg keinen bedeutenden lokalen Werbe- und Fernsehmarkt.“

Die internen Umfrageergebnisse der ALTA aus dem Jahr 2026 überraschen demnach nicht: 53 Prozent der Mitglieder glauben eher nicht, dass sie ihrem Beruf noch bis 2029 in Luxemburg nachgehen. Zwar sind die Werte seit 2019 ähnlich, doch Thiel spricht von einer drastischen Verschlechterung. „Vor zehn, 15 Jahren konnten wir jährlich mit drei bis vier Langspielfilmen rechnen“, sagt er. „Das reichte zum Überleben. Heute kämpfen wir darum, überhaupt engagiert zu werden.“

Der Schein trügt?

Thiel erwähnt die Fördergelder des Film Fund. Wer die Beihilfen erhält, muss einen festen Prozentsatz in die lokale Filmbranche stecken. Ein Beispiel: Der Film Fund vergibt für einen ersten Spielfilm bis zu 2,5 Millionen Euro; mindestens 25 Prozent der AFS im Genre Fiktion „est dédié à des charges sociales luxembourgeoises“ und „un minimum des postes (…) doit être attribué à des professionnels du secteur audiovisuel luxembourgeois“. Bei Animationsfilmen liegt der erstgenannte Mindestwert bei 40 Prozent.

„Wir dachten, dass die Regel zu unseren Gunsten ausfällt. Jetzt wandelt sie sich zum Nachteil“, stellt Thiel fest. „Die Produzenten halten sich grundsätzlich daran, aber in unserem Bereich macht sich das nicht bemerkbar. Die Aufträge gehen oft an internationale Firmen. Das hängt auch damit zusammen, dass Luxemburger Produktionsfirmen bei Koproduktionen meist nicht die Hauptverantwortung tragen – sie können also nicht mit der Faust auf den Tisch schlagen.“ Im Ausland sei das nicht der Fall: Dort würden lokale Unternehmen klar bevorzugt. Luxemburger Techniker*innen hätten keinen Zugang zu dem Markt. „In Belgien gibt es beispielsweise regionale Fonds, die weniger von europäischen Vorgaben zur Unterstützung des Filmsektors abhängen. In Luxemburg existiert nur die nationale Filmförderung“, so Thiel. Die ALTA wünscht sich deshalb einen erhöhten Schutz vor der Konkurrenz aus dem Ausland – und ein stärkeres Bewusstsein für die Bedürfnisse des lokalen Sektors.

53

Prozent der ALTA-Mitglieder glauben eher nicht, dass sie ihrem Beruf noch bis 2029 in Luxemburg nachgehen werden

Im Laufe des Gesprächs kommen Luxemburgs erfolgreiche Koproduktionen zur Sprache. Das Großherzogtum war am Film „All We Imagine as Light“ (u.a. Les Films Fauves) beteiligt, der 2024 den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes gewann. Die Koproduktion „Un simple accident“ (u.a. Bidibul Productions) wurde mehrfach ausgezeichnet, 2026 war er zweimal für den Oscar („Bester internationaler Film“, „Bestes Original-Drehbuch“) nominiert. „Das wird als Luxemburger Erfolg gefeiert, ist es aber nicht. Der Film Fund orientiert sich am Prestige“, kommentiert Thiel. „Ein Film mit Luxemburger Beteiligung, der in Cannes gewinnt, ist schön – aber wenn er hier im Land kaum jemanden beschäftigt, stärkt das die lokale Industrie nicht.“

Kommt es doch zu Aufträgen, seien die Arbeitsbedingungen oft prekär. „Wir arbeiten seit Jahren in einer Grauzone: Die gängigen Zwölf-Stunden-Drehtage sind unvereinbar mit dem Luxemburger Arbeitsrecht. Manche Firmen halten sich an die Gesetzesvorgaben, andere nicht“, so Thiel. „Unser Ziel ist es, die Bedingungen im Sektor zu harmonisieren und klare Regeln für alle Beteiligten aufzustellen.“

Das sei schwierig, weil es Unterschiede innerhalb des Sektors gebe: Ein Teil ist freischaffend, der andere hangelt sich von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten. „Einige Mitglieder der ALTA erwarten Gewerkschaftsarbeit, die wir momentan nicht leisten können“, ergänzt Thiel. „Wir sprechen seit Jahren mit dem OGBL über eine Zusammenarbeit, aber die setzt voraus, dass genug Mitglieder gewerkschaftlich organisiert sind. Die Bereitschaft dafür ist aktuell gering. Wir bemühen uns dennoch, einen Kollektivvertrag für unsere Branche auszuhandeln.“

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