Alain spannt den Bogen
Neuer Chefdirigent Martin Rajna gibt mit dem Luxembourg-Philharmonic-Konzert sein Debüt
Die Segel sind gesetzt – und alle scheinen große Lust darauf zu haben, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Diese Aufbruchstimmung vermittelte jedenfalls das Konzert vom vergangenen Freitag, wo der neue Chefdirigent Martin Rajna erstmals das Luxembourg Philharmonic in der Philharmonie dirigierte.
Vergangene Woche feierte er sein Debüt mit dem Luxembourg Philharmonic: der neue Chefdirigent Martin Rajna Foto: Eric Engel
Alain Steffens Klassik-Rubrik im Tageblatt Bild: Editpress
Martin Rajna wurde Anfang 2025 im Alter von 29 Jahren zum Chefdirigenten des Luxembourg Philharmonic ernannt, dies mit einem Vierjahresvertrag ab September 2026. Rajna, der von 2021 bis 2025 Chefdirigent des Györ Philharmonic Orchestra war, ist seit 2023 ebenfalls Chefdirigent der Ungarischen Staatsoper in Budapest und Co-Leiter der Wagner-Days im Müpa Budapest. In der Philharmonie präsentierte sich Martin Rajna mit einem Beethoven-Strauss-Programm und hinterließ sofort einen erstklassigen Eindruck.
Jan Lisiecki lässt Beethoven glänzen
Für das 4. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven hatte man Jan Lisiecki als Solisten eingeladen. Und dieser zeigte mit jeder Note, warum er zu den besten Pianisten seiner Generation gehört. Von Routine keine Spur, aber dafür unendliche Nuancen, eine wunderbare Detailarbeit und ein sehr individueller Anschlag zeichneten sein Spiel aus. Lisiecki entpuppte sich als ein wahrer Meister der Gestaltung, der sehr eng mit dem Dirigenten und den Orchestermusikern kommunizierte. Was gerade bei diesem dialogfreudigen Konzert von eminenter Wichtigkeit ist.

Jan Lisiecki: ein Talent am Klavier Foto: Eric Engel
Sein Beethoven kam von Haydn und Mozart her, sein perkussives Spiel war fein und unterließ jeden Hang zu übertriebener Virtuosität. Die Musik perlte wie ein guter Champagner und unterstrich den zarten, lyrischen Charakter der Musik, ohne dabei zu „klassisch“ zu werden. Die feinen Melodien, die Lisiecki wie Pingpongbälle in die Luft warf, wurden von Martin Rajna und den Musikern mit Präzision und Spiellaune angenommen und zurückgespielt. So entwickelte sich eine lebendige Dynamik, wie sie besser nicht sein könnte.
Rajna hielt das Orchester etwas zurück, begleitete jedoch gekonnt und war in jedem Moment auf ein wohl ausbalanciertes und transparentes Spiel bedacht.
Nach dieser exzellenten Gesamtleistung wurde Lisiecki natürlich gefeiert und er bedankte sich mit dem Walzer Nr. 1 von Frédéric Chopin, dies in einer sehr eigenwilligen und enorm lockeren Interpretation, wie ich sie bisher selten bei Chopin gehört habe. Martin Rajna hatte die Bratschen rechts außen vor die Celli gesetzt, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Jedenfalls war die ganze Bratschengruppe von meinem Parkettplatz vorne links kaum zu hören, was aber bekanntlich an der Akustik des Saales liegt, die nicht überall sehr gut ist.
Jubel für Martin Rajna und das Luxemburg Philharmonic
Besser dagegen wirkten die Bratschen dann bei Richard Strauss’ Ein Heldenleben, wo sie zusammen mit den Celli ausgezeichnet in Szene gesetzt wurden. Und Dank Martin Rajna wurde das Luxembourg Philharmonic über Nacht zu einem exzellenten Strauss-Orchester. Ich habe dieses Werk mit vielen großen Orchestern und namhaften Dirigenten wie Giuseppe Sinopoli, Mariss Jansons, Sir Simon Rattle, Sir André Previn, Lorin Maazel u.a. erlebt und muss sagen, dass ich das Heldenleben noch nie so detailfreudig, so klanglich ausgewogen und so konsequent in Struktur und Architektur gehört habe wie an diesem Abend. Dazu rundeten die herrlichen Violinsoli von Seohee Min, die ganz große Klasse besaßen, und viele Einzel- oder Gruppenleistungen Martin Rajnas ebenso durchdachte wie musikantisch mitreißende Interpretation auf wirklich allerhöchstem Niveau ab.

Sein erstes Konzert als neuer Chefdirigent wurde mit starkem Applaus belohnt: Martin Rajna Foto: Eric Engel
Wie schon bei Beethoven legte der junge ungarische Dirigent sehr viel Wert auf innere Stimmigkeit. Seine Kunst bestand vor allem darin, Strauss’ unendlich viele kleine Klangmosaike so zu schichten resp. ineinander einfließen zu lassen, dass das Klangbild immer in Bewegung blieb, sich permanent änderte und dem musikalischen Gehalt anpasste. Darüber hinaus wusste Martin Ranja genau, wo er die von Gustavo Gimeno hervorragend aufgebauten Philharmoniker abholen musste und wie er ihnen in diesem Konzert bereits seine eigene Handschrift vermitteln konnte.
Nach dem eher auf Klang bedachten und in Sachen Interpretation eher kontrollierten Gimeno scheint jetzt ein Dirigent das Ruder zu übernehmen, der die Schleusen öffnen und das Orchesterpotenzial explodieren lassen kann. Alles in allem, es war eine wirkliche Sternstunde und ein für alle sehr glückvoller Konzertabend gewesen, bei dem am Ende sowohl Martin Rajna als auch das Orchester und die Konzertmeisterin Seohee Min lautstark bejubelt wurden. Mit Spannung und Freude erwarten wir nun Rajnas erste Spielzeit. Die Messlatte wurde mit diesem Konzert bereits sehr hoch gelegt.