Vergessene Mäzenin
Wie Eugénie Pescatore-Dutreux zur Stifterin des Musikkonservatoriums der Stadt Luxemburg wurde
Das Tageblatt und die Plattform „Musik an Gender Lëtzebuerg“ (MuGi.lu) laden Sie ein, die Reihe „Atelier MuGi.lu“ zu entdecken, die Ihnen einen Einblick in die Forschungen verschiedener Wissenschaftlerinnen zum Thema Gender und Musikleben in Luxemburg gibt. In dieser Ausgabe befasst sich Josiane Weber mit Eugénie Pescatore-Dutreux: einer der wichtigsten Mäzeninnen ihrer Zeit.
Fotographie von Eugénie Pescatore-Dutreux (1810-1902) Foto: BNL, SL-23-943
Am 30. April 1906, vor hundert Jahren, fand die Eröffnung des „Conservatoire municipal de musique. Fondation Eugénie Dutreux“ in der rue du Saint-Esprit der Stadt Luxemburg statt. Dieser Moment war seit langem erwartet worden, da die Hauptstadt seit über 20 Jahren keine öffentliche Musikschule mehr besaß. Letztere war infolge von Streitigkeiten unter der Professorenschaft und finanziellen Problemen 1882 vom Gemeinderat aufgelöst worden. Jahrelang forderten Bürgerinnen und Bürger immer heftiger eine städtische Lösung für den Musikunterricht. Der wesentliche Impuls für die Neugründung des Konservatoriums kam durch die Initiative von Eugénie Pescatore-Dutreux zustande.
Das Tageblatt und die Forschungsplattform „MuGi.lu“ ermöglichen jeden Monat Einblicke in die Luxemburger Forschung zu Gender und Musik Bild: MuGi.lu
Das war Eugénie Dutreux
Wer war diese Frau, die zu einer der wichtigsten Mäzeninnen ihrer Zeit im Bereich der Kultur wurde? Eugénie Dutreux stammte aus einer wohlhabenden und mächtigen Familie in Luxemburg. Sie wurde am 17. Februar 1810 als zweites von vier Kindern des Ehepaares Jean Pierre Bonaventure Dutreux und Ferdinande Boch geboren. Ihr Vater war Tuchfabrikant, Generaleinnehmer und von 1814 bis 1816 Bürgermeister der Stadt Luxemburg. Ihre Mutter Ferdinande Boch war die Schwester Jean-François Bochs, eines der Gründer der späteren Porzellanfabrik Villeroy & Boch, und damit Mitinhaberin der Fayencemanufaktur Boch. Eugénie Dutreux hatte einen Bruder, der wie sie in die Pescatore-Familie einheiratete, und zwei Schwestern, die zwei Brüder aus der Brüsseler Familie Maus ehelichten. Verwandtenehen und Geschwisterheiraten waren im Luxemburger Bürgertum des 19. Jahrhunderts recht häufig. Sie wurden als positiv angesehen, weil das Vermögen zusammengehalten und der soziale Status bewahrt wurde.
Die Unbekannte
Von Eugénie Dutreux’ Kindheit und Erziehung ist nicht viel bekannt. Ihre Mutter brachte ihr das Lesen und Schreiben bei und danach wird sie wohl die zu der Zeit übliche mehrjährige Ausbildung der jungen Mädchen in einem französischen Kloster erhalten haben. Da sie ein Blüthner-Klavier besaß, kann davon ausgegangen werden, dass sie selbst Piano spielte. Mit 18 heiratete sie am 25. September 1828 den zehn Jahre älteren Juristen Joseph-Antoine Pescatore, einen Cousin Jean-Pierre Pescatores. Ihr Ehemann machte Karriere als Richter in der Magistratur, doch gehörte seine Passion der Landwirtschaft, für deren Verbesserung er sich leidenschaftlich einsetzte. Das Ehepaar lebte abwechselnd auf seinem Gut in Bofferdingen und in dem ehemaligen Refugium der Abtei Orval in der Hauptstadt.

Fotographie von Eugénie Pescatore-Dutreux (1810-1902) Copyright: BNL, SL-23-943
Ihre Ehe blieb kinderlos; Eugénie Dutreux überlebte ihren Mann um 42 Jahre. Nach seinem Tod ließ sie sich 1870 vom französischen Architekten Oscar Belanger in Bofferdingen ein kleines Schloss errichten, in dem sie die Sommer verbrachte. Sie starb am 19. Oktober 1902 im Alter von 92 Jahren.
Über Eugénie Dutreux’ Persönlichkeit ist nur wenig bekannt. Außer zwei floskelhaften Briefen von ihr an Antoinette Collart-Résibois aus dem Schloss von Bettemburg, in denen es um gegenseitige Essenseinladungen ging, existieren wohl kaum persönliche Zeugnisse. Laut Familienüberlieferung stach sie vor allem durch negative Eigenschaften hervor. Sie und ihr Mann wurden als äußerst sparsam, ja sogar geizig beschrieben. Ihr Schwager, der Junggeselle Théodore Pescatore, ein großzügiger und gefälliger Mann, nannte sie aus welchem Grund auch immer „Blumen-Kätchen“. Nach dem Tod seines Bruders musste er die Erbschaft mit ihr teilen, was sich angesichts ihres Geizes als nicht einfach erwies. Er soll immer wieder Affronts, Schikanen und Kränkungen von ihr erlebt haben. Auf dem einzigen Foto, das von ihr zu existieren scheint, blickt sie, aufrecht in ihrem schwarzen Witwenkleid stehend, mit einem Blumenkörbchen in den Händen, ernst und streng auf den Betrachter herab.
Zum Testament
In ihrem Testament vom 21. Dezember 1902 verfügte Eugénie Dutreux dennoch großzügig über ihr umfangreiches Vermögen. Dieses handschriftliche Testament, das sie zwischen 1894 und 1902 insgesamt viermal verändert hatte, wurde beim Notar Léon Majerus hinterlegt und befindet sich im Nationalarchiv, beziehungsweise in Abschrift im Luxemburger Stadtarchiv. Eugénie Dutreux gewährte hohe Geldsummen an Verwandte, Dienstboten und wohltätige Organisationen. Ihre wertvolle Sammlung von Münzen, Muscheln, Büchern und Bildern schenkte sie der Stadt Luxemburg. Während sie ihr Schloss in Bofferdingen ihrem Großneffen Auguste Dutreux gab, vermachte sie ihre Güter in Kockelscheuer und ihre Häuser in der Hauptstadt ihrem Neffen Tony Dutreux, der auch ihr Universalerbe und Testamentsvollstrecker wurde. Im Punkt 6 verfügte sie in ihrem ersten Testament von 1894: „Je lègue à la Ville de Luxembourg la somme de Deux Cent mille francs pour être affectés à l’encouragement de la musique et du théâtre. Par musique, j’entends l’école de la ville.“ Die hohe Summe von 200.000 Franken sollte laut den späteren Testamenten ausschließlich für die Zwecke der Musik verwendet werden.

Handschriftliches Testament von Eugénie Pescatore-Dutreux vom 3. Mai 1894, erste Seite Copyright: ANLux, Notar Léon Majerus, MCN-04958, Nr. 303 vom 31.12.1902
Es waren die wohlhabendsten Familien des Großherzogtums Pescatore, Dutreux, Boch und Metz, welche mit ihren großen Vermögen den nötigen Spielraum für mäzenatische Aktivitäten besaßen. Der Aufschwung des Mäzenatentums lässt sich mit der außergewöhnlichen Vermehrung des Reichtums mancher Luxemburger Familien im 19. Jahrhundert erklären. Sie spendeten je nach Interesse sowie politischer und weltanschaulicher Ausrichtung große Teile ihrer Vermögen für kirchliche, weltliche, staatliche oder kommunale Organisationen wie Schulen, Heime, Krankenhäuser, Kirchen oder Vereine. Das stifterische Engagement dieser Familien hing eng mit ihrem bürgerlichen Selbstverständnis zusammen, das den Gemeinsinn als Ideal pflegte und zum Ziel hatte, gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
Grundstein für das Konservatorium
Die Stadt Luxemburg nahm die Erbschaft Eugénie Dutreux’ in einem Gemeinderatsbeschluss am 6. Juni 1903 an. Die zwei Häuser, die Tony Dutreux von seiner Tante geerbt hatte und die in den damaligen rue de la Trinité und rue de la Montagne lagen, verkaufte er 1903 an die Stadt zum für diese vorteilhaften Preis von 100.000 Franken, mit der Bedingung, dort eine Musikschule einzurichten. In einem Brief vom 23. März 1903 verlangte er, dass diese den Namen „École de musique Eugénie Dutreux“ tragen müsse, was von der Stadt Luxemburg akzeptiert wurde. Da sich die Gebäude in einem schlechten baulichen Zustand befanden, mussten sie erst aufwendig renoviert werden, wie zahlreiche Dokumente im städtischen Archiv belegen. So dauerte es bis zum Jahr 1906, bis das Konservatorium Eugénie Dutreux eingeweiht wurde und erste Schüler und Schülerinnen aufnehmen konnte. Fast 80 Jahre blieb es in der rue du Saint-Esprit; viele Generationen von Schülern und Schülerinnen erhielten dort ihre Musikausbildung. Heute befindet sich das städtische Geschichtsmuseum in den alten Gebäulichkeiten.
MuGi.lu

Das Projekt MuGi.lu findet an der Universität Luxemburg statt Bild: Universität Luxemburg/MuGi.lu; Collage: Isabel Spigarelli
MuGi.lu (Musik und Gender in Luxemburg) ist ein Forschungsprojekt der Universität Luxemburg. Auf der Online-Plattform https://mugi.lu können Sie in Musikwerke reinhören und finden biografische Dokumente sowie Interviews mit Musiker:innen. Diese erlauben es, das Musikleben in Luxemburg im 19., 20. und 21. Jahrhundert – Akteur:innen, Institutionen und Orte – genauer zu beleuchten. In Zusammenarbeit mit den Kulturinstitutionen der Stadt Luxemburg liegt ein Fokus auf den „Klangbildern der Stadt Luxemburg“. Der vorliegende Beitrag bezieht sich auf Musikerziehung und beleuchtet die (oft vergessenene) Mäzenin, die die Gründung des hauptstädtischen Konservatoriums vor genau 120 Jahren ermöglichte.
Die Bestimmung, dass das Konservatorium den Namen seiner Stifterin Eugénie Dutreux tragen müsse und dass der Name selbst in dem Fall beibehalten werden solle, wenn die Musikschule in ein anderes Gebäude transferiert würde, war von der Stadt Luxemburg in ihrer Sitzung vom 6. Juni 1903 formell anerkannt worden. Bei der Einweihung des neuen Konservatoriums in Merl im Jahr 1984 wurde diese Verfügung jedoch ohne Bedenken von der Stadtverwaltung ignoriert und die Tafel mit der Aufschrift „Conservatoire municipal de musique. Fondation Eugénie Dutreux“ nicht mehr montiert.