Selbstversuch

Wie ein bekennender Karnevalsmuffel die „Dikricher Cavalcade“ erlebt

Es gibt jene, die die Karnevalssaison lieben und jene, die sie meiden. Ich persönlich gehöre zu letzterer Fraktion und genau deshalb hat die Redaktion mich in diesem Jahr mitten ins Zentrum der Dekadenz geschickt: Ein Karnevalsmuffel auf der „Dikricher Cavalcade“.

Menschenmenge bei Event wirft Bonbons und Gadgets, logistischer Kraftakt mit 1.800 Beteiligten und langer Vorbereitung

Rund 1.800 Beteiligte warfen Bonbons und Gadgets in die Menge – ein logistischer Kraftakt mit langer Vorbereitung Foto: Carole Theisen

Ich mag keinen Karneval.

Das ist keine ironische Distanz, kein „Ich-bin-zu-cool-für-Konfetti“. Ich mag dieses permanente Beschalltwerden nicht. Diese Lieder, die sich mit der Feinfühligkeit eines Presslufthammers in den Kopf fräsen. Und ich mag diese Stimmung nicht, in der Alkohol zum Maß aller Dinge zu werden scheint und kollektive Enthemmung als Lebensgefühl verkauft wird.

Und trotzdem stehe ich an diesem Sonntag mitten in Diekirch, zwischen Konfetti, Bierdunst und erwarteten 40.000 Menschen. Die Redaktion wollte einen Selbsttest: Ein Karnevalsmuffel auf der 58. „Dikricher Cavalcade“. Also los. Mal schauen, was wird.

52 Gruppen ziehen durch die Stadt, auf etwa zwei Kilometern Länge, gestaltet von rund 1.800 Beteiligten. Fünf Tonnen Süßigkeiten und Gadgets fliegen ins Publikum. 200.000 Euro Budget. Ein logistisches Monster. Seit 1978 organisiert der Verein „D’Eselen aus der Sauerstad Dikrich“ die moderne Ausgabe der traditionsreichen „Cavalcade“, deren erste Version 1870 stattfand.

Es ist laut. Sehr laut.

Ich stehe am Rand der route de Larochette, wo der Umzug um 14.00 Uhr startet. Die Musik hämmert, die Bässe drücken in den Brustkorb. Und ja, ich zucke innerlich zusammen, als wieder einer dieser Ballermann-Hits angestimmt wird.

Immer wieder Lieder, die zum Teil seit Jahren in der Kritik stehen. „Layla“ von DJ Robin & Schürze habe ich an diesem Tag zwar nicht bewusst gehört – doch es ist einer jener Songs, die vielerorts zum Karnevals-Repertoire gehören. 2022 löste er Diskussionen aus, weil er eine „jüngere, schönere, sexiere“ Puffmama besingt; mehrere Städte versuchten damals, ihn auf Volksfesten zu verbieten.

Und dann sind da die Klassiker wie „Cowboy und Indianer“ von Olaf Henning. Lieder, die mit stereotypen Bildern indigener Völker spielen, ohne sie zu reflektieren. Jahrzehntelang unproblematisch mitgesungen, heute zunehmend hinterfragt.

Viele dieser Songs funktionieren nach einem simplen Muster: Alkohol als Dauerzustand, Frauen als „heiße Feger“, „Luder“ oder Objekte des Begehrens. Der Humor ist grob, die Pointen sind flach, doch der Applaus ist laut. Kritiker sprechen von Bierzelt-Sexismus. Befürworter kontern mit dem Vorwurf, „Wokeness“ zerstöre den Humor und bedrohe Traditionen.

Teilnehmer genießen entspanntes Zusammensein mit Freunden und Vereinskollegen bei gemeinsamer Veranstaltung

Für viele Teilnehmer steht weniger der Exzess als das Zusammensein mit Freunden und Vereinskollegen im Mittelpunkt Foto: Carole Theisen

Doch was darf Humor? Was ist noch Satire, was schon Herabwürdigung? Wer entscheidet das? Und wie viel Tradition rechtfertigt problematische Inhalte? Gleichzeitig reagieren viele Veranstalter in den letzten Jahren sensibler, setzen bewusst auf Vielfalt und tolerantere Botschaften.

Der Perspektivenwechsel

An diesem Tag fahre ich selbst auf einem Umzugswagen mit – auf der „Marie Äerenzdall“. Den „Eppelduerfer“ und den „Iermsdrëfer“ bin ich dankbar. Sie versuchen mit ehrlichem Enthusiasmus, mir den Geist des Karnevals einzuhauchen, mich zum Tanzen zu bringen. Gut versucht. Vielleicht habe ich drei- oder viermal mitgewippt.

Zackeg Hénger aus Petingen feiern fröhlich zusammen in ausgelassener Stimmung bei lokalem Fest

Die „Zackeg Hénger“ aus Petingen freuen sich einfach nur über die freudige Stimmung Foto: Carole Theisen

Von oben wirkt das Ganze noch dichter. Die winkenden Kinder, die ausgestreckten Hände nach Bonbons – und dazwischen Bierbecher, die schon vor dem Nachmittag mehrfach nachgefüllt wurden. Ich fühle mich eingeengt, überfordert, akustisch bombardiert. Gleichzeitig beeindruckt mich die rohe, ungebremste Energie.

Marc Friederes und seine Partnerin Samantha der „Eppelduerfer“ erleben das anders. „Ich bin jetzt auch nicht die Karnevalsverrückte, die sagt, ich muss mir eine ganze Woche Urlaub nehmen für die Fastnacht“, sagt Samantha. „Aber ich bin froh, dass ich mit meinen Freunden hier bin, dass wir zusammen feiern können.“ Ganz ohne Kritik bleiben die beiden aber nicht. Marc erklärt: „Ich habe das Gefühl, dass die Fastnacht manchmal als Freibrief gesehen wird, sich zu benehmen, wie man will.“

Jim Poecker aus Bettendorf sieht es folgendermaßen: „Die Fastnacht bekommt man im Prinzip von den Eltern in die Wiege gelegt“, sagt er. Doch für ihn beginnt sie lange vor dem Umzug. „Es ist nicht nur die Fastnacht selbst, sondern auch schon die Monate davor.“ Im Herbst wird am Wagen gearbeitet, man trifft sich, baut, trinkt vielleicht ein Bier. „Diese ganze Atmosphäre ist einfach super.“ Zwischen diesen Perspektiven bewegt sich die Cavalcade. Gemeinschaft und Exzess. Ehrenamt und Grenzüberschreitung.

Politische Karikatur „Dikator Frieden“ verbindet Musik und Massenstimmung in gesellschaftskritischem Kontext

Politische Anspielungen wie der „Diktator Frieden“ setzten Akzente zwischen Musik und Massenstimmung Foto: Carole Theisen

Und doch gibt es Momente, die ich als wohltuend empfinde. Ein Wagen kritisiert die Rentenpolitik der Regierung, spricht vom „Diktator Frieden“. Politische Satire, die nach oben tritt. Ein Lichtblick zwischen Bierbechern und dröhnenden Beats.

Alles andere vergessen

Und doch bleibt die Frage: Warum hält sich eine Kultur, in der sexistische Texte und stereotype Rollenbilder so selbstverständlich mitgesungen werden? Vielleicht, weil Karneval traditionell als Ausnahmezustand gilt. Als Zeit, in der gesellschaftliche Regeln aufgehoben sind. Man darf übertreiben. Man darf provozieren. Man darf „drüber“ sein.

Blick vom Umzugswagen „Marie Äerenzdall“ auf dichtes, lautes und intensives Straßenfest während des Umzugs

Vom Umzugswagen „Marie Äerenzdall“ aus wirkt das Spektakel dichter, lauter und intensiver als am Straßenrand Foto: Carole Theisen

Trotzdem: Ich sehe die Leidenschaft der Beteiligten. Die monatelange Arbeit an Wagen und Kostümen. Die Vereine, die sich präsentieren. Die Jury, die Preise in vier Kategorien vergibt – von Politik über Märchen bis Film und Fernsehen. Das Engagement ist echt – und die Freude vieler Menschen ebenfalls.

Und trotzdem bleibe ich außen vor. In diesem hemmungslosen Gedränge fühle ich mich fremd. Vielleicht bin ich zu empfindlich. Vielleicht schlicht nicht kompatibel mit dieser Form von kollektiver Ausgelassenheit.

Les goûts et les couleurs

Geschmack ist eben subjektiv. Meine Abneigung bleibt. Als ich diese Zeilen schreibe, versuche ich, mein Nervensystem herunterzufahren. Meine Klamotten sind fleckig von Bier und irgendetwas, das ich nicht identifizieren möchte. Meine Ohren klingeln. Und doch – ich muss ehrlich sein – es war interessant. Es war ein Einblick in eine Parallelwelt, die nur an wenigen Tagen im Jahr existiert. Würde ich wieder auf einen Wagen steigen? Nein. Bin ich froh, es einmal erlebt zu haben? Auf jeden Fall.

Karneval ist für viele ein Ventil, ein soziales Ritual, sogar ein Stück Identität. Für mich bleibt er ein Experiment, das ich einmal bewusst durchlebt habe. Ich verstehe jetzt besser, warum Menschen ihn lieben. Aber ich weiß ebenso klar, warum ich es nicht tue.

Bunte Karnevalsmasken und festliche Kostüme bei lebendigem Straßenkarneval in Deutschland

So, wie dieses Foto aussieht, fühlt sich für mich Karneval an Foto: Carole Theisen

Die „Dikricher Cavalcade“

Die „Dikricher Cavalcade“ hat eine lange Geschichte. 1870 zog der erste Karnevalszug unter dem Motto „Expédition au pays de la gourmandise“ durch die Stadt. Es war ein Wagnis – 1.000 Goldfranken Ausgaben, 158 Einnahmen. Ein finanzielles Fiasko. Und doch blieb die Idee. Nach Kriegen, Krisen und Geldmangel wurde sie immer wieder neu belebt. Seit 1978 organisiert der Verein „D’Eselen aus der Sauerstad Dikrich“ das Spektakel.

8 Euro kostet der Eintritt. Kinder unter zwölf zahlen nichts. Dafür gibt es aber eine kostenlose Lotterie mit Gewinnen bis 400 Euro. Und eine „Family Place“ am Wirtgenschlass – alkoholfrei, mit Hüpfburg, Facepainting, Musik für Kinder.

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