Editorial

Der hässlichen Fratze der Gesellschaft muss der Spiegel vorgehalten werden

Während der Karneval allgemein als Fest der Freude gefeiert wird, hat er auch eine lange Tradition als Ventil für gesellschaftliche Spannungen. Und die müssen sich mehr denn je entladen.

Fuesboken-Team zeigt deutlichen Frust bei Bau ihres Wagens, klare Botschaft ohne viel Zwischenzeilen.

Die „Fuesboken“, die diesen Wagen gebaut haben, machen ihrem Frust deutlich Luft. Viel muss man hier nicht zwischen den Zeilen lesen. Foto: Editpress/Alain Rischard

Derzeit sind im In- und Ausland wieder die Jecken los. Auf „Fuesbaler“, Karnevalssitzungen und „Kavalkaden“ kommen Freunde der Fastnacht zusammen, um – bunt verkleidet – bis in die späten Abendstunden miteinander zu feiern. Es geht um Spaß, ums Witzeerzählen, um das gemeinsame Anstoßen mit so manchem Hochprozentigen.

Doch zwischen Eseln, Cowboy-Hüten und Konfettiregen blitzt auf der Kavalkade in Diekirch immer wieder Ernst auf. Dazwischen finden sich Spitzen auf nationales und internationales Geschehen – und es wird deutlich, wo den Menschen der Schuh drückt. Es hat sich zwischen närrischem Treiben ein Wagen eingeschlichen, der Luxemburg als permanente Baustelle zeigt. Auf einem weiteren thront der „Diktator Frieden“. Und deutlich werden auch jene Karnevalisten, die auf die Seite ihres Narrenschiffs schreiben: „Déi kleng Leit solle schaffe bis se futti ginn, datt de Politiker hir déck Rente sécher sinn“.

Wer meint, Politik oder Kritik an der derzeitigen Gesellschaft habe bei diesem ausgelassenen Feiern keinen Platz, der missversteht die Tradition. Im Karneval steckt seit jeher auch eine politische Komponente. Schon im Mittelalter durfte der Narr den edlen Herren der Obrigkeit Wahrheiten ins Gesicht sagen, die sonst streng verboten waren. In der Zeit des sogenannten „Verkehrte Welt“-Prinzips wurden Hierarchien symbolisch aufgehoben – zumindest für kurze Zeit.

Heute bekommen sowohl die Innenpolitik als auch das Weltgeschehen in Büttenreden und auf politischen Motivwagen der Umzüge ihr Fett weg. Staatschefs, Ministerinnen und Minister, nationale Krisen und Skandale oder internationale Konflikte werden satirisch überzeichnet, karikiert und mit spitzer Zunge kommentiert.

Der Zweck dahinter scheint simpel: Dem Frust wird mit Humor Luft gemacht. Die „Fuesboken“ dürfen zustimmend klatschen, lachen und sich gut fühlen, weil „es endlich mal jemand sagt“. Am nächsten Morgen ist jedoch für viele die Kritik an der politischen Elite und ihren Entscheidungen bereits wieder verblasst – und der Alltag mit seinen politischen Realitäten kehrt zurück.

Dabei wäre es so wichtig, dass man die hässliche Fratze, die so mancher Karnevalist in den vorgehaltenen Spiegel zeichnet, auch wirklich ernst nimmt. Bei immer mehr Menschen sitzt der Frust tief: angetrieben von der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage weiter Teile der Gesellschaft; verschärft durch den Eindruck, die politischen und wirtschaftlichen Eliten der Welt lachten sich ins Fäustchen, während sie ihre eigenen Taschen füllten; befeuert von den sozialen Medien, deren Algorithmen von Empörung und Zuspitzung leben.

So verstärkt sich der Ärger, das Misstrauen und das Gefühl permanenter Benachteiligung. Was im Karneval als überspitzte Satire daherkommt, speist sich oft aus sehr realen Sorgen: Angst vor sozialem Abstieg, steigenden Lebenshaltungskosten, politischer Ohnmacht oder kulturellem Wandel.

Gerade deshalb ist „Fuesent“ mehr als bloße Ausgelassenheit. Sie ist ein Stimmungsbarometer – und besonders in der derzeitigen Weltlage ein Warnsignal. Aber nicht nur die politische Spitze sollte den Karneval ernst nehmen. Auch wir Bürger müssen uns darüber klar werden, welch gefährliche Strömungen gerade entstehen. Wer über die Witze lacht, sollte auch hinhören, was zwischen den Pointen mitschwingt. Denn die Geschichte zeigt: Wird der Ärger einer Gesellschaft ignoriert, kann aus Spott Verbitterung werden – und aus Verbitterung gefährlicher Extremismus.

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