Editorial

Frieden will ein Mindestalter für soziale Medien – das Problem reicht viel weiter

Premierminister Luc Frieden will ein Mindestalter für soziale Medien einführen. Doch eine Altersgrenze ist zu kurz gegriffen.

Jugendliche nutzen intensiv soziale Medien auf dem Smartphone, Symbol für digitale Abhängigkeit und Medienkonsum

Jugendliche verbringen zu viel Zeit mit sozialen Medien Foto: Weronika Peneshko/dpa/dpa-tmn

Die Regierung will soziale Medien für Kinder unter einem gewissen Alter verbieten. Premierminister Luc Frieden (CSV) hat am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation angekündigt, die Regierung wolle auf nationaler Ebene handeln, falls bis Jahresende keine europäische Lösung „in Sicht ist“. Denn: Der digitale Raum ist kein harmloser Zeitvertreib mehr – sondern überflutet seine Nutzer mit gefährlichen Botschaften.

Diese pflanzlichen Lebensmittel vergiften dich mit Antinährstoffen! Ernähre dich nur von Fleisch und Milchprodukten! Frauen wissen nicht, was sie wollen – oder was sie wirklich glücklich macht. Gewinne deine Männlichkeit zurück. Europa geht unter. Looksmaxxing: Wie du mit Hammerschlägen dein Gesicht attraktiver gestaltest. Schau dir meine Penthouse-Party an. Hier sind meine drei Luxuskarren. Feminismus verwirrt und vergiftet unsere Frauen. Mit Kryptowährung ganz einfach reich werden. Finde dein wahres Ich mit diesen Tricks. Er hat meine Freundin angeschaut, wir haben ihn zusammengeschlagen. Ich stehe um 5 Uhr auf und trainiere drei Stunden, bevor andere überhaupt wach sind. Migranten sind Schmarotzer. Verdiene schnelles Geld mit Online-Wetten: Wer gewinnt die Champions League? Und wie viele Menschen sterben heute im Iran? Meine Trainingsroutine: Alle anderen sind Beta-Loser.

Verwirrt? Das ist nicht verwunderlich. Soziale Medien überspülen ihre Nutzer mit diesen Aussagen und Inhalten im Sekundentakt. Vor allem kurze Videoformate verteilen beim Scrollen kurze Informationsschnipsel mit gleichzeitigem Dopamin-Beschuss. Platz oder Zeit zum kritischen Hinterfragen gibt es kaum.

Die Zahlen aus dem Bee-Secure-Radar 2026 sind alarmierend. Vier von fünf jungen Erwachsenen geben an, regelmäßig Hassbotschaften gegen Frauen, LGBTQIA+-Menschen oder religiöse Gruppen zu sehen. Viele Jugendliche verbringen täglich vier Stunden oder mehr auf sozialen Netzwerken.

Also ja: Es muss sich etwas ändern. Doch zwischen politischer Ankündigung und wirksamer Lösung gibt es große Unterschiede. Denn was genau sind überhaupt „soziale Medien“? TikTok und Instagram, sicherlich. Aber auch Snapchat? YouTube? WhatsApp? Diese Plattformen und viele andere sind längst nicht mehr nur Netzwerke zum Teilen von Bildern. Sie sind Messenger, Nachrichtenquelle und sozialer Treffpunkt zugleich. Die Grenzen verschwimmen.

Ein pauschales Mindestalter klingt zwar gut, in der Praxis dürfte es aber schwer umzusetzen sein. Und es sind nicht nur Jugendliche, die im endlosen Scrollen festhängen: Nicht nur Online-Kommentarspalten beweisen täglich, dass Medienkompetenz keine Frage des Alters ist.

Denn das eigentliche Problem sind die Plattformen, die mit menschlicher Aufmerksamkeit Milliarden verdienen. Denn TikTok und Co. verdienen Geld, wenn Menschen möglichst lange online bleiben. Deshalb belohnen die Algorithmen vor allem Inhalte, die starke Emotionen auslösen: Wut, Angst, Empörung, Neid oder sexuelle Reize.

Es braucht mehr als Altersgrenzen und gut gemeinte Aufklärungskampagnen. Es braucht klare Regeln, Transparenz über Algorithmen und gesetzliche Grenzen für Systeme, die Menschen gezielt abhängig machen sollen. Und vielleicht braucht es auch Erwachsene, die mit gutem Beispiel vorangehen.

3 Kommentare
N.S. 22.05.202613:31 Uhr

Das geht bei weitem viel zu weit! Unter dem Vorbehalt, Kinder und Jugendliche schützen zu wollen, wird und soll Zensur eingeführt werden. Siehe auch hierzu die Rede von Angela Merkel vor ein paar Tagen: die Regulierung muss weitergehen, regulieren...
Wie kann eine Regierung, die ja an sich einem demokratischem Staat angehört so vermessen sein und so weit gehen wollen? Allein schon so paternalistisch vorzugehen, ist skandalös. Sie sollte Aufklären, auf Gefahren hinweisen, lehren aber die Erziehung wie, wann, wo... das obliegt den Eltern nicht der Regierung!
Schaut euch bitte einmal den Digital Service Act, und auch den TTPA an, da sieht man wohin das führt.
Kurz gesagt Machtkritik soll eingeschränkt werden!
Hoffentlich werden sich noch viele melden und sich dagegen stellen.

Guy Mathey 20.05.202616:11 Uhr

Das Hauptproblem in Zusammenhang mit diesen sogenannten "Sozialen Medien" ist nicht irgendein Mindestalter, sondern die Tatsache, dass diese Algorithmus-gesteuerten Medien fest in der Hand faschistischer Tech-Milliardäre sind, welche sie zur gezielten Beeinflussung und Manipulation der Menschheit nutzen. Alle diese Medien müssten konsequent abgeschaltet und ggf durch neutrale, nicht gewinnorientierte Medien ersetzt werden. Klingt zugegebenermassen utopisch, ist jedoch die einzige brauchbare Lösung.

Macpin 20.05.202607:27 Uhr

Komplett Sperren , se sollen leieren a schaffen goen.

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