Leserforum
PISA-Schulen oder Schulen mit Herz?
Wieder einmal wird gemessen, verglichen, ausgewertet. Das Bildungsministerium erklärt, PISA 2025 würde „zum Handeln zwingen“. Doch wird Schule automatisch besser, nur weil wir sie immer genauer vermessen?
Außer Frage steht: Unsere Kinder müssen lesen, schreiben und rechnen können. Sie benötigen Allgemeinbildung und kritisches Denken. Leistung gehört zur Schule. Bildung ist jedoch mehr als das, was PISA und Épstan erfassen können. Wo bleiben Selbstachtung, innere Stärke, Eigenständigkeit, Mut, Neugier und Hoffnung auf Erfolg? Wo messen wir, ob ein Jugendlicher die Schule mit dem Gefühl verlässt: „Ich kann etwas. Ich bin jemand. Ich traue mir etwas zu.“
Ministerium, Direktionen, Schulentwicklungspläne, Kompetenzraster, Evaluationen und Tests sollen Schule besser machen. Doch laufen wir nicht Gefahr, dabei gerade jene zu entmündigen, auf die es ankommt – unsere Lehrerinnen und Lehrer? Denn Schule findet nicht im Ministerium statt. Schule findet im Klassenzimmer statt.
Dort sitzt kein statistischer Durchschnittsschüler, sondern das begabte, das ängstliche, das verträumte Kind – und jenes, das nach Misserfolgen jemanden benötigt, der sagt: „Versuch es noch einmal. Du kannst das.“ Dafür benötigt ein Lehrer keine weitere Tabelle. Er benötigt Zeit, Erfahrung, pädagogisches Gespür – und Freiheit.
Das Bildungsministerium spricht von Schulautonomie. Dann sollte es auch den Mut haben, sie ernst zu nehmen. Autonomie bedeutet nicht, zentral festgelegte Vorgaben vor Ort verwalten zu dürfen. Autonomie bedeutet, selbst entscheiden und gestalten zu können.
Warum trauen wir unseren Lehrerinnen und Lehrern nicht zu, selbst zu entscheiden, welche pädagogischen Schwerpunkte ihre Schule benötigt? Warum glauben wir, gute Schule entstehe durch Vorgaben, Evaluation und Kontrolle? Grundlegende Kompetenzen der Schüler müssen überprüft werden. Aber zwischen Rechenschaft und permanenter Vermessung liegt ein gewaltiger Unterschied. Wer ständig gemessen wird, lernt nicht automatisch besser. Er lernt womöglich vor allem, den Misserfolg zu fürchten.
Genau darin liegt die Gefahr einer PISA-Schule: Aus dem Vertrauen ins eigene Können wird die Angst vor dem Nichtkönnen. Aus dem Kind wird ein Kompetenzprofil. Eine Schule mit Herz verlangt ebenfalls Leistung. Aber sie sagt dem Kind nicht: „Streng dich an, damit du in der Statistik bestehst.“ Sie sagt: „Streng dich an, weil etwas in dir steckt.“ Das Bildungsministerium sollte weniger Pädagogik produzieren und mehr Pädagogik ermöglichen.
Sollten wir bei PISA nicht weniger fragen, wo Luxemburg steht – und vielmehr, was für junge Menschen unsere Schulen verlassen? Selbstständige, neugierige und zuversichtliche Menschen – oder hervorragend vermessene junge Erwachsene, die gelernt haben, bloß keinen Fehler zu machen?
Gebt unseren Lehrerinnen und Lehrern die Freiheit zurück, Schule zu gestalten. Dann könnten aus verwalteten Schulen wieder Schulen mit einer eigenen Seele werden: Schulen mit Herz.