Editorial

Schule bei Warnstufe Rot: Hitze betrifft alle, aber sie trifft nicht alle gleich

Claude Meisch warnt trotz Warnstufe Rot vor einem Land, das durch Hitzefrei „lahmgelegt“ würde. „Et ass waarm fir jiddereen“, sagt der Bildungsminister. Ein grober Denkfehler: Hitze mag alle betreffen, aber sie trifft nicht alle gleich.

Claude Meisch bei einem Schulbesuch im Herbst 2024: Bei der jetzigen Hitzewelle sorgte der Bildungsfamilie vor allem für Verwirrung

Claude Meisch bei einem Schulbesuch im Herbst 2024: Bei der jetzigen Hitzewelle sorgte der Bildungsfamilie vor allem für Verwirrung Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy

Die gute Nachricht vorweg: Luxemburgs Schülerinnen und Schüler scheinen fit zu sein. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie ganze Schultage in Containern oder Klassenräumen bei gut und gerne 35 Grad Raumtemperatur überstanden haben, ohne reihum zu kollabieren?

Anders gefragt, und ohne die gute Nachricht hinter Zynismus zu verstecken: Hat der Staat seine Schutzpflicht gegenüber den Schülerinnen und Schülern ernst genug genommen? In diesem Fall betrifft diese Frage vor allem das Schulministerium und Bildungsminister Claude Meisch (DP). Immerhin hat der Staat vor einer extremen Gefahr gewarnt. Selbst gehandelt hat er nicht. Dabei hat das Ausland vorgemacht, wie es gehen kann. Zahlreiche Länder kündigten ihre Schulschließungen bereits vergangene Woche an. In Luxemburg wird abends bekannt gegeben, wie es am Tag darauf weitergeht.

Die staatlichen Reaktionen auf die jüngste Hitzewelle, die weiterhin auf Luxemburg drückt, sollten uns deshalb zu denken geben.

Diese Hitzewelle war kein Überraschungsereignis. Die hohen Temperaturen waren frühzeitig angekündigt, die voraussichtlich außergewöhnlich lange Dauer der extremen Wetterlage war vorausgesagt, die Folgen für Land und Leute hätten allen politisch Verantwortlichen bewusst sein müssen. Trotzdem hat sich Luxemburg wie handlungsunfähig überrollen lassen.

Genau darin liegt das eigentliche Problem. Nicht die Hitze kam überraschend. Überraschend war, wie wenig vorbereitet ein Land wirkte, das längst wissen müsste, dass solche Wetterlagen keine Ausnahme mehr sind. Zwar kam man in Senningen zusammen, um die Warnstufe Rot auszurufen. Eine Warnstufe Rot darf aber nicht nur eine Meldung auf einer Wetterseite sein. Auch die LU-Alert-Meldung reicht da kaum aus, wenn die „Alerte Rouge“ keine konkreten Abläufe auslöst, zum Beispiel für Schulen, Betriebe, Gemeinden und soziale Dienste. Der Staat warnte vor einem „danger extrême“ für das ganze Land, vergaß dabei aber, was das für ihn bedeutet: sich besonders um jene zu kümmern, die seinen Schutz brauchen, weil sie selbst keine Lobby haben. Dazu gehören auch die Schülerinnen und Schüler des Landes.

Im RTL-Radio sagte Bildungsminister Meisch am Mittwochmorgen, ein generelles Hitzefrei hätte das Land „lahmgelegt“. Eine Erklärung für ein solches Katastrophenszenario blieb der Minister schuldig. Niemand verlangt, dass bei jeder Hitzewarnung automatisch das ganze Land stillsteht. Aber zwischen Normalbetrieb bei 35 bis 40 Grad und vollständigem Stillstand gibt es Spielräume: verkürzte Schultage, klare Temperaturschwellen, Ausnahmen für Prüfungen. Genau dafür bräuchte es Regeln, die vorher feststehen und nicht erst dann gesucht werden müssen, wenn die Klassenräume bereits überhitzt sind.

Hinzu kommt das völlige Durcheinander, das Meisch losgetreten hat. Der Minister sagte, die Direktionen der Lyzeen sollten selbst entscheiden. Von diesen hieß es zum Teil, sie müssten auf eine Antwort des Ministeriums warten. Die Verantwortung einfach nach unten weiterzureichen, ist kein Pragmatismus. Das Ergebnis sah zumindest stark nach Dilettantismus aus.

Man wird den Verdacht nicht los, dass ein Hitzefrei in den Augen der Verantwortlichen für zu viel Aufhebens gesorgt hätte. Vielleicht spielte auch der Zeitpunkt so kurz vor dem „Groussherzogsgebuertsdag“ eine Rolle, wo niemand eine Debatte über abgesagte Veranstaltungen, Hitzeschutz und staatliche Vorsorge gebrauchen konnte. Also mussten die Schülerinnen und Schüler eben da durch. Oder, wie der Minister ebenfalls auf RTL sagte: „Et ass waarm fir jiddereen.“

Genau das ist der Denkfehler. Hitze betrifft alle. Aber sie trifft nicht alle gleich. Besonders heiß war es für jene ohne eigene Interessenvertretung, die auch einmal laut auf Missstände aufmerksam machen könnte. Wer in einem überhitzten Klassenraum sitzt, wer auf einer Baustelle arbeitet oder wer keinen kühlen Rückzugsort hat, braucht mehr als den Hinweis, dass es eben warm ist.

Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt. Es kann nur besser werden. Jetzt hatten wir einen Staat, der warnte. Und Menschen, die selbst sehen sollten, wie sie klarkommen. Das ist (Klima)politik, die nervt.

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5 Kommentare
Arbechter 27.06.202611:02 Uhr

De Meisch huet dach ganz bestëmmt eng Klimaanlach an e Frigo a sengem Büro an e ka kommen a goen wann e wëllt. Dofir soll et sech emol fatzeg schummen wéinst séngen dommen a freche Kommentaren.

Manfred REinertz Barriera 25.06.202621:48 Uhr

In Frankreich haben die zuständigen Behörden wegen der Hitze Schulschließungen angeordnet für die Schulen, die keine Klimaanlagen haben....Der Minister dort ist eben kein Mensch wie Meisch, der nur „Et ass waarm fir jiddereen.“labern tut...eine Nullnummer!

Jek Hyde 25.06.202616:01 Uhr

mat senger Ausso "et ass warm fir jiddereen" huet deen ööömmm Här genau nees dat bewisen wat en a Wirklechkeet ass, net dee feine besuergten frëndlechen Minister, mee, genau jidverdreen wees wat ech méngen.

JeVi 25.06.202612:15 Uhr

Ich frage mich ob dem Klimawandel bei den doch recht vielen neuen Schulgebäuden, sowie öffentlichen Gebäuden Rechnung getragen wurde oder in Zukunft wird. Das heißt: effektive Isolierung (senkt im Winter auch die Heizkosten), effektive Klimaanlagen und ausreichende Beschattung der Gebäude durch Bäume oder Fassadenbegrünungen (womit man bei diesbezüglichen Projekten im Ausland sehr gute Erfahrungen gemacht hat). Stattdessen wird überall alles immer mehr zugepflastert und -betoniert.
Es gibt überhaupt keine, wenigstens minimale, Regelung. Mittlerweile seit mehreren Jahren tun die jeweiligen Regierungen mehr als überrascht ob der sommerlichen hohen Temperaturen.
Ich kann mich noch gut an die erste große Hitzewelle (fast) europaweit erinnern, weil ich damals schwanger war. Das war 2003!!! Seither hat sich, außer den Warnungen, so gut wie nichts getan.

Grober J-P. 25.06.202609:44 Uhr

"ein generelles Hitzefrei hätte das Land „lahmgelegt“." Na ja, bedenken sie mal, alle Eltern zuhause bei den Kids, das ist doch zu viel verlangt. Wer soll denn .................nicht jeder hat noch die rüstigen Ommas und Oppas daheim!
„Et ass waarm fir jiddereen.“ Nicht ganz, kenne da etliche Adressen wo momentan unglaublich lange gearbeitet wird in Räumen wo sonst ...... Bedauere gerade die Fassadenmaler von gegenüber, man sieht auf 50 Meter, es tropft gewaltig.
Für nächstes Jahr kommt die Anweisung von Herrn Wilmes, 50% Zuschuss vom Staat für Klimaanlagen für jeden.

Grober J-P. antwortete am 26.06.202620:22 Uhr

@ Dunord Hagar. Tja was denn sonst, eine Dattelpalme vielleicht, für den Balkon oder Fenstersims, mit besten Wünschen vom Minister? Irgendetwas muss der Herr doch fertigbekommen, zum Schatten spenden!

Dunord Hagar antwortete am 25.06.202615:44 Uhr

Nicht nur den Fassadenmaler, Herr Grober… auch die Bauarbeiter welche unnötigerweise die Dorfstrasse verengen und mit Schikanen « verschönern ». Ich versorge sie mit Wasser und reiche ihnen auch den Gartenschlauch zwecks Abkühlung. Aber wenn die Regierung es schon als unnötig findet Hospitäler und Seniorenheime mit Klimaanlagen auszustatten, wird ihr humoristischer Seitenhieb auf Herr Wilmes 50% A/C Forderung für alle, wohl eher ein « feuchter » Traum bleiben.

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