Forum von Fari Khabirpour

Über die Glaubwürdigkeit westlicher Werte: Zuerst tanken – dann die Moral?

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Mit diesem Satz hielt Bertolt Brecht seiner Gesellschaft den Spiegel vor. Überträgt man diesen Gedanken auf die heutige Politik gegenüber dem Iran, drängt sich eine bittere Abwandlung auf: „Erst kommt das Tanken – dann die Moral.“

Iranische Protestierende demonstrieren auf der Straße, Symbol für gesellschaftlichen Widerstand und politische Unzufriedenheit

Die Menschen im Iran sehen sich mit ihren Protesten zunehmend allein gelassen Foto: AFP/ Frederic J. Brown

Seit nahezu fünf Jahrzehnten lebt die Bevölkerung des Iran unter einem Regime, das systematisch fundamentale Menschenrechte verletzt. Oppositionelle werden verfolgt, Frauen unterdrückt, Journalisten eingeschüchtert, religiöse Minderheiten – insbesondere die Bahá’í – diskriminiert, gefoltert und ihrer elementaren Rechte beraubt. Tausende politische Gefangene wurden hingerichtet, Zehntausende verloren während friedlicher Proteste ihr Leben oder verschwanden in den Gefängnissen des Regimes.

Zur Person

Über die Glaubwürdigkeit westlicher Werte: Zuerst tanken – dann die Moral?

Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Fari Khabirpour hat einen Doktortitel in Pädagogischer Psychologie. Er leitete unter anderem das SOS-Kinderdorf, das „Centre de psychologie et d’orientation scolaires“ (CPOS) beim Bildungsministerium und das „Centre de rétention“.

Diese Tatsachen sind seit Jahrzehnten bekannt. Niemand im Westen kann behaupten, nichts gewusst zu haben. Und dennoch standen bei den Verhandlungen mit der Islamischen Republik nur selten die Menschen im Mittelpunkt. Im Vordergrund standen vielmehr Öl, Gas, Handelsbeziehungen, regionale Stabilität und geopolitische Interessen.

Die Sprache der Menschenrechte gehörte zwar regelmäßig zu den Sonntagsreden westlicher Politiker. Doch sobald wirtschaftliche Interessen berührt wurden, verstummte diese Sprache erstaunlich schnell. Besonders deutlich zeigte sich diese moralische Inkonsequenz während der großen Freiheitsbewegungen der vergangenen Jahre. Millionen Iranerinnen und Iraner gingen unter Lebensgefahr auf die Straße – nicht für wirtschaftliche Vorteile, sondern für jene Werte, auf die Europa so stolz ist: Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit.

Die Rolle des Westens

Viele bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Andere sitzen bis heute im Gefängnis. Und der Westen? Er bekundete seine Solidarität, verabschiedete Resolutionen und äußerte Besorgnis. Doch als es darum ging, den Worten entschlossenes politisches Handeln folgen zu lassen, blieb die Unterstützung weitgehend aus. Heute scheint sich dieselbe Geschichte zu wiederholen. Während europäische Politiker nicht müde werden, von gemeinsamen Werten zu sprechen, werden gleichzeitig neue Wege gesucht, die Beziehungen zu einem Regime zu normalisieren, das seine eigene Bevölkerung weiterhin unterdrückt.

Man gewinnt den Eindruck, dass Menschenrechte oft nur so lange Priorität besitzen, wie sie wirtschaftlichen Interessen nicht im Wege stehen. Gerade deshalb stellt sich eine unbequeme Frage: Wie glaubwürdig sind westliche Demokratien noch, wenn ihre Werte immer wieder dort enden, wo wirtschaftliche Vorteile beginnen?

Auf der Suche nach Partnern

Die Glaubwürdigkeit einer Demokratie zeigt sich nicht in ihren Reden, sondern in ihrem Handeln. Werte entfalten ihre Bedeutung erst dann, wenn ihre Verteidigung einen Preis verlangt. Wer Freiheit predigt, sie aber aus wirtschaftlicher Rücksicht immer wieder relativiert, verliert nicht nur das Vertrauen der Menschen im Iran. Er beschädigt die moralische Autorität der demokratischen Welt insgesamt. Die Menschen im Iran brauchen keine weiteren Erklärungen der Besorgnis. Sie brauchen Partner, die bereit sind, ihre eigenen Werte auch dann ernst zu nehmen, wenn dies wirtschaftliche oder politische Nachteile mit sich bringt.

Der Westen steht heute nicht nur vor einer geopolitischen Entscheidung. Er steht vor einer moralischen Bewährungsprobe. Wenn wirtschaftliche Interessen dauerhaft wichtiger sind als die Verteidigung der Menschenwürde, dann verlieren Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ihre Überzeugungskraft. Dann wird Brechts Satz auf erschreckende Weise zur politischen Realität unserer Zeit: Nicht mehr „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, sondern: „Erst kommt das Tanken – dann die Moral.“

Und vielleicht wird die Geschichte eines Tages nicht danach fragen, wie viele Verträge Europa mit dem iranischen Regime geschlossen hat. Sie wird fragen, warum die freie Welt schwieg, als ein ganzes Volk um seine Freiheit kämpfte.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

5 Kommentare
Grober J-P. 13.07.202608:58 Uhr

"Doch als es darum ging, den Worten entschlossenes politisches Handeln folgen zu lassen,"H. Fari Khabirpour was meinen Sie damit, wie können wir richtig helfen, bestimmt nicht wie es der Tramp macht?

Fraulein Smilla 12.07.202623:51 Uhr

In der Politik geht es nicht um Werte , Wir sind die Guten die anderen die Boesen , sondern um Interessen . Nethanyahu wird bestimmt zum Begraebniss von Lindsay Graham in die Staaten reisen und nebenbei Trump ueberzeugen gemeinsam wieder gegen die Pasdaran vorzugehen . 80 % der Iraner wuenschen ihnen bestimmt Good Luck .-Uebrigens , dem Autor muesste doch bekannt sein dass der Handel zwischen der EU und dem Iran im Moment auf sehr niedrigen Niveau liegt . Pistazien aber kein Erdoel .

Daniel M. Porcedda 12.07.202621:46 Uhr

Der Artikel spricht einen unangenehmen, aber berechtigten Widerspruch an. Demokratien berufen sich zu Recht auf Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Gleichzeitig zwingt sie die internationale Politik immer wieder zu Kompromissen. Das Problem ist weniger, dass solche Zielkonflikte existieren – sie gehören zur Realität der Außenpolitik. Problematisch wird es dort, wo wirtschaftliche und geopolitische Interessen hinter einer moralischen Rhetorik verborgen werden.

Gerade die iranische Bevölkerung hat in den vergangenen Jahren mit beeindruckendem Mut gezeigt, dass sie dieselben Werte einfordert, auf die sich Europa beruft. Wer diese Menschen unterstützt, muss deshalb nicht jeden außenpolitischen Schritt befürworten. Aber er sollte ehrlich benennen, wenn wirtschaftliche Interessen schwerer wiegen als moralische Ansprüche. Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass Demokratien fehlerfrei handeln, sondern dadurch, dass sie ihre eigenen Maßstäbe auch auf sich selbst anwenden.

Grober J-P. 12.07.202620:25 Uhr

"wenn dies wirtschaftliche oder politische Nachteile mit sich bringt." Also weniger tanken, E Mobil fahren, Hormus geschlossen lassen. Was schlagen Sie vor, im Iran einmarschieren, wie damals im östlichen Nachbarn und nach ersten Angriffen der Fundamentalisten abhauen.

Luxmann 12.07.202617:03 Uhr

Der autor gehoert zu der gruppe von Iranern welche uns dazu motivieren wollen, den US-Israelischen angriffskrieg auf sein land tatkraeftig zu unterstuetzen.
Er mag seine religioes politischen gruende dafuer haben...die EU regierungen sollten allerdings diese einladung mit nachdruck ablehnen

Daniel M. Porcedda antwortete am 12.07.202621:53 Uhr

Sie gehen auf den eigentlichen Inhalt des Artikels kaum ein. Der Autor beschreibt vor allem die jahrzehntelangen Menschenrechtsverletzungen des iranischen Regimes und stellt die Frage, warum westliche Demokratien ihre Werte häufig wirtschaftlichen Interessen unterordnen. Daraus eine Aufforderung zur Unterstützung eines militärischen Angriffs abzuleiten, ist eine Interpretation, die der Text selbst nicht hergibt.

Man kann über den Einsatz militärischer Mittel unterschiedlicher Meinung sein. Das ändert jedoch nichts an den dokumentierten Verbrechen des Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Wer jede Kritik am iranischen Regime reflexartig als Kriegspropaganda abtut, erspart sich die Auseinandersetzung mit den eigentlichen Aussagen des Artikels.

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