Editorial

Wie soll mit Feinden der Demokratie umgegangen werden?

Die AfD kam am Sonntag bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern auf 38,2 Prozent der Wählerstimmen, zwei Wochen zuvor in Sachsen-Anhalt auf 43,8 Prozent – und ist nach Meinungsumfragen längst stärkste Partei. Ist der Aufstieg der rechtsextremen Partei unaufhaltsam?

Der AfD-Kandidat von Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm, die AfD-Kandidatin in Berlin, Kristin Brinker, und das Führungsduo der Partei, Alice Weidel und Tino Chrupalla (von links nach sehr rechts).

Der AfD-Kandidat von Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm, die AfD-Kandidatin in Berlin, Kristin Brinker, und das Führungsduo der Partei, Alice Weidel und Tino Chrupalla (von links nach sehr rechts). Foto: Ralf Hirschberger/AFP

Blicken wir zurück auf die Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahr 1933: Im Juli des Vorjahres hatte Adolf Hitlers NSDAP bei der Reichstagswahl 37,3 Prozent geholt. Nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt hatte, saßen in dessen Kabinett vor allem konservative Politiker und nur zwei Nazis. Bei der letzten freien Wahl am 5. März 1933 erhielt die NSDAP 43,9 Prozent und wurde mit 288 Sitzen stärkste Kraft, verfehlte jedoch die absolute Mehrheit.

Historische Vergleiche hinken, nicht zuletzt der von regionalen und landesweiten Ergebnissen, doch die Parallelen erschrecken. Damals hatte man noch keine Erfahrung damit, wie Demokratien in Diktaturen übergehen können. Heute weiß man es und ist gewarnt. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern, denn der Aufstieg von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien ist ein globales Phänomen.

Die Resultate von 43,8 Prozent der AfD in Sachsen-Anhalt und 38,2 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern – auch bei den Wahlen 2024 in Sachsen und Thüringen kam die rechtsextreme Partei jeweils auf mehr als 30 Prozent – sind nur Vorboten und Seismografen dessen, was sich auch woanders abspielt. Die AfD, die sich als „Kümmererpartei“ wie ein Wolf im Schafspelz gibt, aber eine rassistische Politik der Deportation und der gesellschaftlichen Exklusion, des Sexismus und des Antisemitismus sowie der Intoleranz propagiert, verstößt in ihrer Zielsetzung gegen die Prinzipien der Demokratie. Sie plant den Umbau der Gesellschaft – und bietet damit den Menschen nichts anderes als ein Geschenk, das in Stacheldraht verpackt ist. Ähnliches ist in anderen Ländern zu befürchten. In Frankreich etwa wird nächstes Jahr ein neues Staatsoberhaupt gewählt, und das Rassemblement national hat gute Chancen. Und in den USA, wo bald die Midterm-Wahlen stattfinden, regiert bereits ein autoritärer Herrscher. Es steht also viel auf dem Spiel: unsere Demokratie.

Die Wochenzeitung Die Zeit konstatierte, bevor die Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz aus dem Landtag in Mecklenburg-Vorpommern flog, „die Zerstörung der CDU“. Die Partei zerlege sich in Sachsen-Anhalt, es bestehe die Gefahr, dass einige Christdemokraten zur AfD überlaufen. Ähnlich war es 1933 mit jenen Konservativen, denen die Demokratie nichts bedeutete. Die Warnungen überzeugter Demokraten wie des Journalisten und Schriftstellers Carl von Ossietzky vor den Nazis verhallten ungehört. Die neuen Machthaber bauten Staat und Gesellschaft schnell um, besetzten Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft mit ihren Leuten und nutzten Radio und Film als damals neue Medien – auch hier gibt es Parallelen zur AfD und ihrer Nutzung von Social Media – für ihre Propaganda.

Der Philosoph Karl Popper beschrieb 1945 in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das „Paradox der Toleranz“ und warnte davor, dass ebenjene Toleranz, wenn sie uneingeschränkt gewährt werde, zum Verschwinden der Toleranz führe: „Wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranten zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ Zögert man zu lange, könnte es bald zu spät sein. Die liberale Demokratie hat demnach das Recht und die Pflicht, sich selbst zu verteidigen – notfalls mit Mitteln eines Parteiverbots. Letzteres ist jüngst wieder ins Spiel gebracht worden, allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Der belgische Historiker und Schriftsteller David Van Reybrouck behauptet, es sei zu lange verpasst worden, in die Resilienz und die Erneuerung der Demokratie zu investieren. Er plädiert für zusätzliche Losverfahren. Ein Vorschlag, der wohlfeil klingen mag – der aber zeigt, dass die Demokratie lebendig ist, als Laboratorium, als „work in progress“, und nicht in Stein gemeißelt.

5 Kommentare
Luxmann 25.09.202607:47 Uhr

Sollte man die als eindeutig rechtsextrem eingestuften parteien eines Netanyahu oder noch mehr seines kumpels Ben Gvir in Israel auch verbieten?
Meinetwegen ja....aber ich kann mir dann das uebliche "antisemitismus" geschrei aus dieser ecke vorstellen.

Norbert Campagna 24.09.202608:30 Uhr

Was tun die Wähler einer verbotenen Partei? Ein Teil wird sich enthalten und dadurch die Legitimität der Gewählten noch geringer machen, ein anderer Teil wird die weniger radikale Partei auf derselben Seite des politischen Spektrums wählen, und ein dritter Teil wird auf Gewalt zurückgreifen. Es sei denn, die verbotene Partei würde sich einen neuen Namen geben, und alles wäre dann wieder wie vorher, bis auch die neue Partei verboten wird. Und ehrlich gesagt, sollte man in den USA die Republikaner verbieten, bloss weil sie Leute wie Trump in die Wahlen schicken? Wie realistisch ist hier der Ruf nach einem Parteiverbot? Komplexe Probleme verlangen nach komplexen Lösungen. Ein Parteiverbot löst nicht die Probleme, die viele Leute dazu getrieben hat, für die zu verbietende Partei zu wählen.

Fraulein Smilla 23.09.202612:46 Uhr

Die Reichtagswahlen von 1933 , die schon in einem Klima der Angst statt fanden , wo viele Kommunisten schon in " Schutzhaft " sassen ( ihre gewonnenen Mandate wurden spaeter annulliert ) als eine freie Wahl zu bezeichnen , ist doch eine etwas gewagte Behauptung .

Nomi 23.09.202610:55 Uhr

Et wir besser di AFD an eng Koalitio'un ze huelen, an domat sinn se nach besgen enner Kontroll an kennen beweisen waat se net kennen oder vlaicht kennen .

Wann se eng absolut Majoritei't bis hun, ass keng Kontroll mei' an den Chaos ass viirprogrammei'ert !

Grober J-P. 23.09.202610:52 Uhr

"Ist der Aufstieg der rechtsextremen Partei unaufhaltsam? " Nein, wenn die "Demokratischen" es mal richtig machen und auch den Dümmsten erklären wie es in einer DEMO KRATIE" vor sich geht. Leider haben, auch bei uns, die Parteien das Logo "S" verbannt. In einem Interview auf der Flimmerkiste hatte mal ein glatzköpfiger zahnloser AFD-Anhänger sich aufgeregt über den sozialen Abstieg. Glaubt der wirklich mit der AFD käme er zum neuen Zahnersatz? Die AFD ist genau so ohne "S" wie die Jetzigen.
Wenn man das soziale Feld den Radikalen rechts überlässt, dann bitte, wird es wie 1933 ein Remake geben. Viel Spaß beim Klimawandel!

Grober J-P. antwortete am 24.09.202610:05 Uhr

@ Fraulein Smilla / Das Logo sagt mittlerweile nichts mehr aus, damals war es auch nur Blende. Was wurde denn aus den A r b e i t e r n?
"zu Unrecht mit der AFD gleichgestellt wird" Meinen Sie, dann wühlen Sie mal in der Geschichte der derzeitigen Elite rum, angefangen bei der Alice.

Fraulein Smilla antwortete am 23.09.202615:24 Uhr

Immerhin , hatte die Partei die von manchen zu Unrecht mit der AFD gleichgestellt wird , ein S und ein A in ihrem Logo .

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