L’histoire du temps présent

Wie Luxemburg versuchte, sich im Kongo als kolonialer Akteur zu positionieren

1946 formulierte Wirtschaftsminister Lambert Schaus auf einer internationalen Kolonialtagung des „Cercle colonial luxembourgeois“ (CCL) den Kolonialismus als ein gemeinsames europäisches Unterfangen und betonte dessen zentrale Bedeutung für die globale Wirtschaftsordnung.

Luxemburgischer Stand auf der Messe in Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, im Jahr 1951, im Hintergrund die Flagge Luxemburgs neben jener des Belgisch‑Kongo sowie ein Porträt der Großherzogin Charlotte in der Mitte

Luxemburgischer Stand auf der Messe in Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, im Jahr 1951, im Hintergrund die Flagge Luxemburgs neben jener des Belgisch‑Kongo sowie ein Porträt der Großherzogin Charlotte in der Mitte Foto: privat

Luxemburg, so Schaus, könne sich der kolonialen Frage nicht entziehen – nicht zuletzt aufgrund der Präsenz eigener Staatsangehöriger in Übersee sowie der wirtschaftlichen Chancen und Beschäftigungsmöglichkeiten, die der koloniale Raum bot.

Luxemburg positionierte sich zunehmend eigenständig innerhalb eines transnationalen kolonialen Systems. 1948 reiste erstmals eine offizielle Delegation unter Außenminister Joseph Bech in den Belgisch-Kongo, gefolgt von weiteren offiziellen Besuchen 1953, 1956 und 1960. Ergänzt wurden diese offiziellen Besuche durch wirtschaftliche Missionen, etwa durch Carlo Hemmer, sowie durch die Reise von Bischof Léon Lommel im Jahr 1958.

Gleichzeitig setzten sich politische und wirtschaftliche Akteure verstärkt für die Interessen ihrer Landsleute ein, darunter in seinen unterschiedlichen politischen Funktionen auch Lambert Schaus. Er bemühte sich um die Stellung der Luxemburger im Belgisch-Kongo und machte auf konkrete und strukturelle Probleme aufmerksam, die er gegenüber der Regierung ansprach. Dabei war ihm bewusst, dass Luxemburger im kolonialen Dienst den belgischen Regeln unterstanden und Luxemburg nur begrenzt eingreifen konnte, weshalb er die Rolle des Staates vor allem darin sah, die allgemeinen Interessen seiner Staatsangehörigen zu vertreten.

Zwar wurde 1947 die Gleichstellung der Luxemburger mit den Belgiern offiziell festgeschrieben, doch blieb sie begrenzt. Sie beschränkte sich auf Bewerbungsmöglichkeiten und die Anerkennung von Diplomen. In der Realität wurden Luxemburgerinnen und Luxemburger meist nur in Bereichen berücksichtigt, in denen es einen Mangel an belgischen Bewerbern gab. So musste etwa Nicolas Kinsch die belgische Staatsangehörigkeit annehmen, um Schulinspektor zu werden – eine Voraussetzung, die auch für seinen luxemburgischen Nachfolger noch 1958 galt. Luxemburgische Lehrkräfte im öffentlichen Dienst wurden erst gegen Ende der 1950er-Jahre eingestellt, während in anderen Bereichen, etwa der Kolonialarmee, weiterhin ausreichend belgische Bewerber vorhanden waren. Die „Assimilierung“ blieb demzufolge bis zum Ende unvollständig.

Ein Absatzmarkt in der Kolonie

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Luxemburg auf der Suche nach neuen Absatzmärkten verstärkt Belgisch‑Kongo zu. Durch die Belgisch‑Luxemburgische Wirtschaftsunion profitierte man dort von günstigen Bedingungen und einem Wettbewerbsvorteil gegenüber internationaler Konkurrenz. Gleichzeitig verfolgte Belgien mit dem „Plan décennal“ das Ziel, die Kolonie wirtschaftlich auszubauen. Dies eröffnete vor allem der Industrie, aber auch mittelständischen Unternehmen neue Chancen. Luxemburg nutzte den Kongo gezielt als externen Wirtschaftsraum.

Belgisch‑Kongo wurde insbesondere für die Stahlindustrie zu einem wichtigen Absatzmarkt. Die Pro‑Kopf‑Exporte – gemessen an der Bevölkerung – erreichten zeitweise ein ähnliches Niveau wie in Belgien. Firmen konnten sich in Nischen wie der Metallverarbeitung etablieren, während die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie neue Betriebe hervorbrachte und zusätzliche Nachfrage schuf. Zudem entstand – innerhalb kolonialer Grenzen – eine schwarze Mittelschicht, die weitere Absatzmöglichkeiten eröffnete.

Die Erschließung des Marktes erfolgte durch Wirtschafts- und Geschäftsreisen, Marktanalysen sowie die Teilnahme an Kolonialmessen. Dort präsentierten Firmen ein breites Angebot – von Maschinen bis Konsumgütern. Dieses Engagement wurde nicht nur von Unternehmen getragen, sondern auch politisch unterstützt, etwa durch Minister und staatliche Aktivitäten, sowie von wirtschaftlichen Organisationen und Interessenvertretungen in Luxemburg und den sich herausbildenden Netzwerken in der Kolonie.

Eine zentrale Rolle spielte Carlo Hemmer, Generalsekretär des Luxemburger Industriellenverbandes Fedil. An seinen Schriften zeigte sich zugleich der Wandel des Diskurses der Legitimation kolonialer Herrschaft: Kolonialismus wurde nicht mehr durch eine „zivilisatorische Mission“ begründet, sondern über wirtschaftliche und entwicklungspolitische Argumente. Hemmer beschrieb den Kongo als Raum zur Erschließung von Ressourcen, zum Aufbau von Märkten und zur wirtschaftlichen Expansion. Die Einbindung der kolonisierten Bevölkerung in Arbeit, Produktion und Konsum erschien dabei als Teil dieses Prozesses, verdeckte jedoch, dass sie weiterhin eine rassistisch geprägte Gesellschaftsordnung reproduzierte und vor allem den Interessen kapitalistischer Expansion diente.

Leben im Belgisch-Kongo

Mitte der 1940er-Jahre lebten über 300 Luxemburgerinnen und Luxemburger im Belgisch‑Kongo und in Ruanda‑Urundi, bis Ende der 1950er-Jahre stieg ihre Zahl auf über 600. Diese im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Großherzogtums dennoch geringe Anzahl ist als Ergebnis selektiver Migration zu verstehen. Der Zugang zur Kolonie war reguliert und setzte ökonomisches Kapital sowie meist eine höhere Ausbildung oder ein Studium voraus. Entsprechend blieb der koloniale Raum vorwiegend der oberen Mittel- und Oberschicht vorbehalten, die hier lukrative Anstellungen und Aufstiegsmöglichkeiten fand und innerhalb der weißen Kolonialgesellschaft überwiegend gehobene Positionen einnahm.

In den 1950er-Jahren arbeiteten etwa 41% im privaten Sektor, 22% im Staatsdienst, 19% als Missionare und etwa 18% waren selbstständig. Letztere gewannen dabei an Bedeutung, da auch Luxemburger Zugang zu kolonialen Krediten erhielten und eigene Betriebe aufbauen konnten. Der deutliche Anstieg der luxemburgischen Präsenz war jedoch eng mit einem Wandel der Struktur der Kolonisten verbunden. Während zuvor überwiegend alleinstehende junge Männer nach Afrika gingen, waren es nun vermehrt Personen in Begleitung von Familienmitgliedern. In den 1950er-Jahren stellten Frauen etwa die Hälfte der luxemburgischen Bevölkerung im Belgisch‑Kongo.

Die Luxemburgerinnen und Luxemburger erhielten Unterstützung durch ihre Regierung, etwa durch diplomatische Vermittlung mit Belgien und die Förderung ihrer Integration in Arbeits- und Wirtschaftsstrukturen. Gleichzeitig spielten Landsleute als Vermittlungsfiguren eine zentrale Rolle. So wurden René Delvaux, der bereits in den 1930er-Jahren als Patissier nach Kongo kam, und sein Bruder Armand bis in die 1960er-Jahre zu einer wichtigen Anlaufstelle für Neuankömmlinge und Unternehmen aus dem Großherzogtum. Das luxemburgische Kolonialmilieu blieb jedoch von unterschiedlichen Interessen geprägt, die zu Spannungen führten und sich etwa in der Gründung einer neuen Kolonialassoziation, der Luxom, niederschlugen.

Die Verbindungen zur Heimat wurden aktiv gepflegt. Bereits während des Zweiten Weltkriegs gewann eine luxemburgische Identität auch in Zentralafrika an Bedeutung und wurde sowohl individuell als auch kollektiv gelebt – etwa im Konsum heimischer Produkte oder in gemeinsamen Aktivitäten und Vereinigungen. Anlässlich der Hochzeit von Erbgroßherzog Jean mit Prinzessin Joséphine‑Charlotte schenkte eine Gruppe einflussreicher Luxemburger im Kongo dem Paar eine Elfenbeinskulptur.

Geschenk der Luxemburger im Kongo zur Hochzeit von Prinz Jean und Prinzessin Joséphine‑Charlotte im Jahr 1953, gefertigt von einem kongolesischen Künstler

Geschenk der Luxemburger im Kongo zur Hochzeit von Prinz Jean und Prinzessin Joséphine‑Charlotte im Jahr 1953, gefertigt von einem kongolesischen Künstler Foto: privat

Kontinuitäten nach 1960

Am 30. Juni 1960 wurde die damalige Republik Kongo unabhängig. Patrice Lumumba wurde zum Premierminister gewählt, während Joseph Kasa‑Vubu das Amt des Präsidenten übernahm. Die ehemalige Kolonialmacht Belgien sowie weitere westliche Mächte, insbesondere die USA, bemühten sich jedoch weiterhin um Einfluss und Zugang zu den Ressourcen des Landes – nicht selten durch verdeckte Interventionen und durch Eingriffe in die Souveränität des kongolesischen Staates. Die daraus resultierenden Machtkämpfe – auch im Kontext des Kalten Krieges – führten zu politischen Krisen und separatistischen Bewegungen, die eng mit den Interessen des Großkapitals verflochten waren.

Mit der formellen Unabhängigkeit Kongos lässt sich die luxemburgische Kolonialgeschichte in eine vierte Phase einteilen. Einerseits ging die Zahl der Luxemburger vor Ort stark zurück – 1963 lebten nur noch rund 185 dort, während viele in Nachbarländer flohen oder nach Luxemburg zurückkehrten. Andererseits blieb diese Phase von den zuvor entstandenen kolonialen Verflechtungen geprägt, die sich nun in neuen postkolonialen Kontexten fortsetzten.

Kurz vor der Unabhängigkeit des Landes entsandte Luxemburg eine Delegation, um seine Staatsbürger zu unterstützen, administrative Fragen zu klären und konsularische Strukturen aufzubauen. Da belgische Einrichtungen nun nicht mehr zur Verfügung standen, war die Regierung zu eigenständigem Handeln gezwungen, versuchte jedoch gleichzeitig, Verantwortung möglichst zu begrenzen. Beispielsweise wurden die Probleme der Rückkehrer zunächst kaum als staatliche Aufgabe verstanden und stattdessen Organisationen wie der Luxom überlassen, die sie, mit Unterstützung der „Œuvre nationale“, aufgriff.

Parallel machte die Kongokrise die Fortdauer kolonialer Verflechtungen deutlich. Luxemburger waren weiterhin präsent – als Missionare, UN‑Personal, wirtschaftliche und politische Akteure, aber auch als Geheimagenten oder Söldner. Gérard Cravatte unterstützte als Direktor eines Bergbauunternehmens in Süd‑Kasai ein separatistisches Regime und kam nach seiner Festnahme auch mithilfe des luxemburgischen Konsuls frei. Zugleich rekrutierte der amerikanische Geheimdienst gezielt Agenten aus „Drittstaaten“, darunter auch einen Luxemburger, für Operationen im Kongo im Kontext der „Ausschaltung“ Patrice Lumumbas sowie der Sicherstellung von Bodenschätzen (v.a. Uran). Auch der Flughafen Findel fungierte während des Embargos gegen Katanga als logistischer Knotenpunkt für verdeckte Operationen, insbesondere des amerikanischen Geheimdienstes, über den die Entsendung von Flugzeugen verschleiert werden sollte.

In den folgenden Jahren setzte seitens der luxemburgischen Regierung eine zunehmende Distanzierung ein. Konsularische Aktivitäten wurden reduziert, obwohl luxemburgische Staatsbürger in ganz Afrika mehr Präsenz forderten. Mit der Schließung des Konsulats in Kinshasa im Jahr 1972 fand die institutionelle Präsenz Luxemburgs im Kongo – dem inzwischen in Zaire umbenannten Staat – ihr Ende. Gleichzeitig behandelte die Regierung die Anliegen ihrer Bürger und Bürgerinnen, die in den Kolonien tätig waren, nur eingeschränkt. Zuständigkeiten wurden ausgelagert oder gemieden, was sich etwa in langwierigen Diskussionen über Rentenzahlungen bis in die 1980er-Jahre zeigte.

Luxemburgs Kolonialismus

Die Kolonialgeschichte Luxemburgs in Afrika lässt sich in vier Phasen gliedern, die sowohl durch die Entwicklungen des europäischen Kolonialismus als auch durch spezifische nationale Handlungsspielräume geprägt waren. Luxemburg war dabei nicht nur punktuell beteiligt, sondern in verschiedene imperiale Strukturen eingebunden. Besonders das Kongobecken entwickelte sich vom Kongo‑Freistaat bis zum Belgisch‑Kongo zu einer zentralen „Kolonie der Möglichkeiten“ für Luxemburg.

Die Analyse der luxemburgischen Kolonisten zeigt deutlich, dass Luxemburgs Kolonialgeschichte vorrangig von den oberen sozialen Klassen getragen wurde. Der Zugang zu Karrieren in Übersee hing wesentlich von Kapital, Bildung und Netzwerken ab. Innerhalb der kolonialen Ordnung nahmen Luxemburgerinnen und Luxemburger eine intermediäre, zugleich vorteilhafte Position ein. Sie profitierten von Zugängen als weiße Arbeitskräfte, blieben jedoch als europäische Ausländer – und ohne eigene staatliche Repräsentanz – strukturell abhängig. Auch das Versprechen der Gleichstellung im Kongo wurde von den belgischen Behörden nur begrenzt und selektiv umgesetzt.

Kennzeichnend für den luxemburgischen Kolonialismus ist das Fehlen eigener Kolonien bei gleichzeitiger kolonialer Verflechtung. Die Handlungsspielräume waren dabei geprägt von anderen Kolonialmächten, während Luxemburg koloniale Aktivitäten und teilweise auch ihre Kolonialpolitik an Vereinigungen, diplomatische Vertretungen oder individuelle Akteure delegierte. Gerade diese Form der Beteiligung ermöglichte es, Vorteile aus dem Kolonialsystem zu ziehen, ohne sich mit kolonialen Fragen beschäftigen zu müssen. Dies lässt sich beispielsweise anhand der nicht wenigen Kinder von luxemburgischen Vätern und afrikanischen Müttern darlegen. Die meisten wurden nicht anerkannt, den Müttern entrissen, zur Adoption freigegeben oder in der Kolonie – häufig bei Missionen – zurückgelassen, ohne dass dies in Luxemburg als gesellschaftliche Verantwortung verhandelt wurde.

Auch während der Dekolonisation setzte sich diese Logik fort. Luxemburg beteiligte sich kaum an den Prozessen und betrachtete sie als Angelegenheit anderer Kolonialmächte. So lehnte die Regierung etwa Anfragen kongolesischer Studierender für Ausbildungs- oder Studienaufenthalte in Luxemburg ab. Gleichzeitig blieb auch die Unterstützung für eigene Staatsbürger, die aus den ehemaligen Kolonien zurückkehrten, auf ein Minimum beschränkt.

Gewalt, ein blinder Fleck?

Die koloniale Vergangenheit Luxemburgs war nie ganz aus der Öffentlichkeit verschwunden. Artikel, Filme oder Interviews von ehemaligen Kolonisten reproduzierten dabei den eigenen kolonialen und weißen Blick und verdrängten eine zentrale Dimension kolonialer Herrschaft: die Gewalt. Wenn, dann erschien diese als Gegenstand anderer Akteure – oft der Kolonisierten selbst – oder früherer Zeiten. Sie wurden so aus der eigenen Erfahrung und Verantwortung herausgelöst.

Die Quellen zeigen hingegen, dass mehrere Luxemburger sowohl an struktureller als auch an individueller Gewalt beteiligt waren – zumal einige von ihnen für Gewalttaten sanktioniert wurden, die selbst nach kolonialer Gesetzgebung als solche galten. Dennoch verschwiegen viele diese Erfahrungen später, etwa in Interviews oder Erinnerungen. Ein Beispiel ist Josy Thorn, der in den 1970er-Jahren eine mehrteilige Artikelserie in der Revue veröffentlichte. Darin erwähnte er kaum, dass seine Zeit im Kongo maßgeblich von Zwangsrekrutierungen, Gewalt und einem Konflikt mit Missionaren geprägt war. Als Beamter beteiligte er sich gemeinsam mit einem Luxemburger der „Huileries du Congo belge (HCB)“ an Zwangsrekrutierungen für das Unternehmen und geriet dabei sowohl mit der lokalen Bevölkerung als auch mit Missionaren in Konflikt. Diese prangerten die Praktiken an und boten Kongolesen Schutz in ihren Missionen.

Koloniale Herrschaft war von Beginn an strukturell gewaltsam. Luxemburgerinnen und Luxemburger bewegten sich innerhalb dieser Ordnung und waren in sie eingebunden. Das bedeutete nicht, dass alle selbst Gewalt ausübten, wohl aber, dass sie Teil eines Systems waren, das ohne Gewalt und Rassismus nicht funktionierte. In den Akten finden sich vor allem Sanktionen wegen Störungen der öffentlichen Ordnung, unentschuldigten Fernbleibens von der Arbeit sowie Alkohol- oder Drogenkonsums. Zugleich sind auch Fälle von Luxemburgern dokumentiert, in denen Misshandlungen, willkürliche Festnahmen und sexualisierte Gewalt gegenüber Afrikanern und Afrikanerinnen geahndet wurden. Solche Sanktionen des Staates blieben jedoch die Ausnahme und dienten in erster Linie der Stabilisierung kolonialer Autorität – nicht zuletzt, weil Gewaltanwendungen wiederholt Revolten auslösten.

Charakteristisch bei der kolonialen Gewalt war die Delegation der Gewaltausübung. Die Ausübung der körperlichen Bestrafungen wurde an afrikanische Aufseher delegiert. Gewalt wurde so ausgelagert und zugleich koloniale Herrschaft verschleiert. Durch die Diskrepanz zwischen formaler Ordnung und gewaltvoller Praxis konnten auch Kolonisten selbst in Probleme geraten. Ein luxemburgischer Territorialagent meldete etwa die exzessive Gewalt eines Pflanzers, wurde jedoch zur Zurückhaltung aufgefordert. Gewalt wurde wahrgenommen, aber nur dann kritisiert, wenn sie die staatliche oder kapitalistische Ordnung gefährdete.

Erste Lokomotive der Strecke Matadi–Léopoldville, die von Nicolas Cito gesteuert wurde und heute auf dem Bahnhofsgelände in Kinshasa ausgestellt ist

Erste Lokomotive der Strecke Matadi–Léopoldville, die von Nicolas Cito gesteuert wurde und heute auf dem Bahnhofsgelände in Kinshasa ausgestellt ist Foto: Kevin Goergen

Die alltägliche Gewalt bleibt in den kolonialen Archiven weitgehend unsichtbar und wird häufig nur indirekt oder verschleiert erfasst. Ein anderer Zugang ergibt sich aus afrikanischen Perspektiven. Lokale Bezeichnungen für Europäer konnten Erfahrungen von Gewalt und Zwang widerspiegeln. So wurde ein Luxemburger, der für ein Privatunternehmen Arbeitskräfte rekrutierte, als jemand erinnert, der Menschen in Tonnen oder Kisten einsperrte bzw. versteckte, bevor er sie zur Arbeit in Unternehmen verschleppte.

Dass der luxemburgische Staat keine Kenntnis von kolonialer Gewalt gehabt habe, steht im Widerspruch zu den historischen Befunden. Gewalt durch Luxemburger ist in den Akten der Kolonialverwaltungen dokumentiert. Zugleich waren diese Vorgänge Teil administrativer Abläufe und in institutionelle Kommunikationsstrukturen eingebunden, sodass sie sich staatlicher Wahrnehmung grundsätzlich nicht entzogen.

Das koloniale Erbe

Die luxemburgische Kolonialgeschichte ist geprägt von der Möglichkeit, Verantwortung auszulagern. Aktivitäten und Tätigkeiten der eigenen Bürger fanden im Rahmen anderer Mächte statt, wodurch sich das Großherzogtum politischen und moralischen Fragen weitgehend entziehen konnte. Gerade nach der Unabhängigkeit afrikanischer Staaten setzte sich diese Haltung fort und erwies sich als bequem: Koloniales Erbe und die Dekolonisation wurden als Angelegenheit anderer betrachtet.

Vorstellungen, die im Kontext kolonialer Herrschaft entstanden, wirken bis heute nach. Dazu gehören etwa das Bild Afrikas als „geschichtsloser“ Kontinent, dessen Geschichte erst mit dem europäischen Zugriff beginnt, ebenso wie anhaltende rassistische Stereotype. Diese Wahrnehmungen sind auch vor dem Hintergrund einer heutigen luxemburgischen Gesellschaft zu sehen, die durch Migration aus ehemaligen Kolonialmächten geprägt ist. Erst in jüngerer Zeit, insbesondere im Zuge gesellschaftlicher Debatten seit 2020, hat in Luxemburg eine breitere Auseinandersetzung eingesetzt, die Fragen von Rassismus und globaler Ungleichheit stärker in den Fokus rückt.

Gleichzeitig stellt sich die Frage nach einem kolonialen Erbe in einem Land, in dem eine umfassende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit lange ausgeblieben ist. Das Kongobecken war über Jahrzehnte hinweg ein bedeutender Migrationsraum für Luxemburgerinnen und Luxemburger. Die dortigen Spuren sowie mögliche Nachfahren etwa in der heutigen DR Kongo wurden kaum thematisiert. Gerade die Rolle Luxemburgs als internationaler Finanzplatz wirft Fragen nach fortdauernden neokolonialen Verflechtungen auf. Auch in der Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit spielt die koloniale Vergangenheit bislang nur eine geringe Rolle oder wird teilweise relativiert, indem politische Akteure den Handlungsspielraum des Landes als grundsätzlich von dem seiner Nachbarstaaten verschieden darstellen. Eine kritische und dekoloniale Auseinandersetzung erfordert letztlich die Bereitschaft, sich dieser Vergangenheit und ihren bis heute wirkenden Verflechtungen zu stellen – auch wenn dies unbequem ist.

* Kevin Goergen promovierte im März 2026 am Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) der Universität Luxemburg mit einer Doktorarbeit zur Kolonialgeschichte Luxemburgs.

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