Tour de France
Erlösung nach „schrecklichen Tagen“: Philipsen rettet die Serie
Jasper Philipsen gewinnt im fünften Jahr in Folge eine Tour-Etappe. Dabei war diese gar nicht für Sprinter gedacht.
Jasper Philipsen hat am Mittwoch die 17. Etappe der Tour de France gewonnen Foto: AFP
In der dritten Woche zeigt die Tour de France ihr wahres Gesicht: Sie ist das körperlich und vor allem mental härteste Rennen der Welt. Die Fahrer sind erschöpft und liegen blank, selbst die härtesten Profis stehen ständig kurz vor den Tränen.
In den vergangenen Jahren sah man beispielsweise Matej Mohoric oder Victor Campenaerts nach ihren Siegen völlig überwältigt zusammenbrechen. Sie ließen ihren Emotionen freien Lauf und hielten bewegende Plädoyers über die Härte ihres Berufs und die immense Schwierigkeit, einen Etappensieg bei der Tour de France zu erringen.
Am Mittwoch war Jasper Philipsen an der Reihe. Mit geröteten Augen erschien der Belgier im Interviewbereich, nachdem er im Sprint einer rund 30 Fahrer umfassenden Gruppe, in der sich die wichtigsten Ausreißer des Tages versammelt hatten, souverän den Sieg errungen hatte.
„Jasper The Disaster“
Mit 28 Jahren ist der Sprinter aus Belgien eigentlich ein Dauergast auf den Podien. In seiner Erfolgsbilanz stehen unter anderem ein Sieg bei Mailand-Sanremo und nun elf Etappensiege bei der Tour de France.
Doch dieser Juli verlief für den Alpecin-Fahrer bislang äußerst schwierig. „Ich bin mit der besten Form meines Lebens zur Tour gekommen, die Vorbereitung war perfekt. Aber die ersten Etappen waren schrecklich. Ich weiß nicht, ob es an der Hitze lag oder an etwas anderem, aber ich habe mich einfach nicht gut gefühlt. Natürlich habe ich gezweifelt“, betonte Philipsen und erklärte, wie schwer es mental gewesen sei, „den ganzen Mist zu lesen, den du auf Instagram abbekommst“.
Bekannt für sein feuriges Temperament, war der Fahrer, der in seinem Team manchmal „Jasper The Disaster“ (Jasper, die Katastrophe) genannt wird, in den vergangenen Tagen am Abendbrottisch nicht immer einfach, wie er selbst zugab.
„Ich war ein echter ‚Angry Bird‘ – wütend und enttäuscht von mir selbst. Meine Teamkollegen und das gesamte Umfeld mussten mich ertragen. Dafür bin ich ihnen wirklich dankbar. Dieser Sieg gehört ihnen“, sagte Philipsen und sprach von den „emotionalen Achterbahnfahrten“, die die Tour jeden Juli ausmacht. „Dieser Sieg kostet mich mehrere Jahre meines Lebens. Ich kämpfte zwischen verschiedenen Gruppen, ich dachte, es sei vorbei. Aber die Jungs haben weiter an mich geglaubt und mich auf der Zielgeraden perfekt abgeliefert“, erklärte Philipsen, der in der Punktewertung für das Grüne Trikot einen großen Schritt nach vorn machte und bis auf sieben Punkte an Mads Pedersen heranrückte.
Im Finale wagte Jasper Stuyven einen Solovorstoß. Nachdem der Belgier etwas mehr als drei Kilometer vor dem Ziel in der Côte de la Commanderie wieder gestellt worden war, übernahm Mathieu van der Poel die Initiative. „Nicht viele Fahrer haben das Glück, einen Anfahrer vom Kaliber eines Mathieu zu haben. Mir ist dieses Privileg vollkommen bewusst“, sagte Philipsen.
Adam Yates quält sich
Die Favoriten um Tadej Pogacar erreichten das Ziel entspannt mit einem Rückstand von knapp neun Minuten in einem zweiten Hauptfeld. Weit dahinter erlebte ein Teamkollege des Gelben Trikots einen wahren Leidensweg: Adam Yates. Der britische Kletterer litt seit dem Vortag unter Magenproblemen und wurde von seinem Teamkollegen Tim Wellens bis ins Ziel gezogen, um noch innerhalb des Zeitlimits zu bleiben.
„Heute Morgen war er kaum wiederzuerkennen. Aber für die Königsetappe am Samstag wird er wieder fit sein“, versicherte Pogacar. Drei schwere Bergetappen warten nun auf das Peloton – und damit die Aussicht auf weitere große Emotionen.
Im Überblick
113. Tour de France, 17. Etappe: Chambéry - Voiron (174,7 km):
1. Jasper Philipsen (Belgien/Alpecin-Premier Tech) 3:41:13 Stunden, 2. Mauro Schmid (Schweiz/Jayco AlUla), 3. Olav Kooij (Niederlande/Decathlon-CMA CGM), 4. Lewis Askey (Großbritannien/NSN Cycling), 5. Rick Pluimers (Niederlande/Tudor Pro Cycling), 6. Clément Russo (Frankreich/Groupama-FDJ United), 7. Huub Artz (Niederlande/Lotto Intermarché), 8. Mads Pedersen (Dänemark/Lidl-Trek), 9. Michael Matthews (Australien/Jayco AlUla), 10. Aaron Gate (Australien/XDS Astana) alle gleiche Zeit, ... 142. Alex Kirsch (Luxemburg/Cofidis) 8:46
Gesamtwertung nach 17 von 21 Etappen:
1. Tadej Pogacar (Slowakei/UAE Emirates-XRG) 60:04:17 Stunden, 2. Remco Evenepoel (Belgien/Red Bull-Bora-hansgrohe) 4:32 Minuten zurück, 3. Isaac del Toro (Mexiko/UAE Emirates-XRG) 6:51, 4. Paul Seixas (Frankreich/Decathlon-CMA CGM) 7:11, 5. Juan Ayuso (Spanien/Lidl-Trek) 9:22, 6. Mattias Skjelmose (Dänemark/Lidl-Trek) 10:14, 7. Lenny Martinez (Frankreich/Bahrain-Victorious) 12:50, 8. Tom Pidcock (Großbritannien/Pinarello-Q36.5 Pro Cycling) 12:58, 9. Jordan Jegat (Frankreich/TotalEnergies) 14:04, 10. Yannis Voisard (Schweiz/Tudor Pro Cycling) 24:18, ... 125. Kirsch 3:55:34