Reportage
Himmel oder Hölle: So hart ist das Leben als Radsportler in einem Kontinental-Team
Sie träumen von der Tour de France und von Profiverträgen, doch für viele bleibt der Traum unerreichbar. In der dritten Liga des Radsports kämpfen Talente in Kontinental-Teams jahrelang um den Sprung in den Profizirkus – oft vergeblich.
Ivan Centrone fuhr von 2015 bis 2024 in Kontinental-Teams und verpasste den Sprung in den Profi-Bereich Foto: Anouk Flesch
Es ist 9.00 Uhr an einem gewöhnlichen Mittwochmorgen Ende Mai. In einem Altbau in Cessingen herrscht noch Stille. Einzig Thanos, ein brauner Labrador, beobachtet das Geschehen draußen. Dann kommt auch Ivan Centrone, der sich aus dem Bett gekämpft hat, ins Wohnzimmer. Er macht sich einen Kaffee, lässt sich dann auf die Couch fallen. Eine Stunde sieht er sich Videos an. Dann werden zwei daraus. Schließlich vergehen mehrere Stunden. „Doomscrolling“, wie man es auf Neudeutsch nennt.
Es ist Mai 2024, Centrone ist beim Kontinental-Team Global 6 United unter Vertrag – eigentlich müsste er jetzt aufs Rad steigen und trainieren. In wenigen Tagen steht die Tour of Malopolska an, ein Rennen mit vielen Kontinental-Teams. Dann folgen die Landesmeisterschaften – eine weitere Chance, sich zu beweisen und sich vielleicht doch noch einmal für einen Profivertrag zu empfehlen. Aber Centrone kann nicht aufs Rad steigen. Schon seit Wochen nicht. Er hat keine Energie mehr, die vergangenen Jahre im Kontinental-Bereich haben Spuren hinterlassen. Das spüren auch die Menschen, die ihm am nächsten sind. „Ivan, ich sehe nur noch einen Geist, wenn ich dich ansehe“, sagt seine Freundin Coline, als er in eines dieser YouTube-Videos vertieft ist. Ein Moment, der Centrone prägt. „Was mache ich hier überhaupt?“, zweifelt er und fängt an, sich selbst zu hinterfragen.