Venezuela

Zahl der Toten bei Erdbeben steigt auf 235, mehr als 4.300 Personen verletzt

Nach den schweren Beben in dem südamerikanischen Land werden nach und nach weitere Leichen geborgen. Es gibt Tausende Verletzte. Etliche Menschen sollen noch unter Trümmern verschüttet sein. Internationale Hilfsaktionen aus Deutschland, den USA und weiteren Ländern laufen an, während Rettungskräfte verzweifelt nach Überlebenden suchen.

Rettungskräfte durchsuchen nach Erdbeben Trümmer nach Überlebenden bei Katastropheneinsatz

Rettungskräfte suchen nach Überlebenden nach einem Erdbeben in Venezuela Foto: Pedro Mattey/AP/dpa

Verzweifelte Suche nach Überlebenden und Warten auf internationale Hilfe: Venezuela kämpft mit den Folgen des schwersten Erdbebens seit mehr als 125 Jahren. Die Zahl der Todesopfer nach den schweren Erdbeben ist am Freitagmorgen auf 235 gestiegen. Mehr als 4.300 Verletzte seien bisher in öffentlichen Krankenhäusern behandelt worden, sagte der venezolanische Gesundheitsminister Carlos Alvarado im Fernsehsender VTV. Die meisten von ihnen hätten leichte Verletzungen gehabt. Es gebe aber auch mittelschwere und schwere Fälle. Deutschland, die USA und zahlreiche weitere Länder starteten Hilfsaktionen für das südamerikanische Land.

Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5

Rund 200 weitere Menschen sollen noch verschüttet sein, hatte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, zuvor gesagt. Dabei dürfte es aber nur um diejenigen gehen, die bereits unter den Trümmern verortet wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Gesamtzahl der Verschütteten in die Tausende gehen könnte.

Die Erdstöße der Stärke 7,2 und 7,5 hatten sich nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS am Mittwochabend Ortszeit im Abstand von nur 39 Sekunden in derselben Region westlich der Hauptstadt Caracas ereignet. In den folgenden Stunden wurden nach Angaben von Übergangspräsidentin Rodríguez rund 30 Nachbeben registriert. Viele Gebäude stürzten ein oder wurden schwer beschädigt.

Zahlreiche Menschen flüchteten in Panik aus ihren Häusern und verbrachten die Nacht aus Angst vor weiteren Erdstößen im Freien. Überlebende und Rettungskräfte suchten in den Trümmern nach Überlebenden und weiteren Opfern.

„Haben gar nichts mehr“

„Die Treppe brach weg, die ganze Wand bekam Risse, Dinge fielen von der Decke“, berichtete die 54-jährige Bankangestellte Odalis Escalona aus Caracas über den Moment der Beben. „Es war einfach schrecklich.“ Ein AFP-Reporter sah ein vollständig eingestürztes 22-stöckiges Hochhaus im Stadtteil Altamira. Vor den Trümmern standen verzweifelte Menschen und riefen nach ihren vermissten Angehörigen.

In der Küstenstadt Catia la Mar in der besonders betroffenen Region La Guaira stand Larry Rojas fassungslos vor den Überresten seines eingestürzten Hauses. „Wir haben nichts, wir haben gar nichts mehr – nicht einmal die Kraft, da reinzugehen“, sagte der 49-Jährige. In der Stadt stürzten Dutzende Wohngebäude ein, andere hatten tiefe Risse oder fehlende Wände.

Hilferuf

„Mein Haus ist komplett eingestürzt“, sagte ein anderer Bewohner der Stadt, Jean Alexander Capote. Seine Schwiegermutter sei ums Leben gekommen und seine Tochter werde vermisst. „Wir brauchen schnell Hilfe“, betonte er.

In Catia la Mar kam es nach den Beben zu Plünderungen. AFP-Reporter beobachteten, wie eine Gruppe Menschen ein ausgebranntes Lebensmittelgeschäft mit Taschen voller Waren verließ.

Ausnahmezustand ausgerufen

Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez rief den Ausnahmezustand aus. Am Donnerstagnachmittag reiste sie nach Angaben von Parlamentspräsident Rodríguez nach La Guaira.

Der Übergangspräsidentin zufolge waren von den Vereinten Nationen koordinierte Rettungsteams auf dem Weg in das südamerikanische Land, um bei den Such- und Rettungsarbeiten zu helfen. Allerdings wurde der internationale Flughafen von Caracas schwer beschädigt und musste geschlossen werden, was die internationale Hilfe erschweren dürfte.

Eine „massive kollektive Anstrengung“

Der Chef des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten (Ocha), Tom Fletcher, forderte eine „massive kollektive Anstrengung“, um Venezuela zu helfen. Schon vor der Katastrophe seien in dem Land fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen, betonte Fletcher.

„Deutschland steht an der Seite Venezuelas und wird helfen“, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Onlinedienst X. Laut Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) stand die Bundeswehr mit sechs Transportflugzeugen A400M bereit, um in Venezuela Hilfe zu leisten.

Internationale Hilfe

Auch die USA kündigten die sofortige Entsendung von Rettungskräften und Hilfsgütern an. Die Unterstützung werde „groß, schnell und effektiv“ sein, erklärte Außenminister Marco Rubio.

Aus der Schweiz sollte nach Regierungsangaben ein 80-köpfiges Team von Rettungshelfern und acht Spürhunden nach Venezuela aufbrechen. Zudem sollten 18 Tonnen Hilfsgüter in das Land geflogen werden.

Frankreich und Spanien kündigten ebenfalls die Entsendung von Dutzenden Rettungskräften an. Auch der Iran und China sagten Venezuela Unterstützung zu. Hilfsangebote erhielt die Regierung in Caracas auch von zahlreichen lateinamerikanischen Ländern.

Schwerster Erdstoß seit mehr als 125 Jahren

Die Leiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas, Anja Dargatz, sagte der ARD, es komme nun darauf an, dass die Hilfe „vernünftig verteilt wird“ und nicht „Spielball politischer Ränkespiele“ werde. „Jetzt heißt es wirklich erstmal aufräumen und wieder aufbauen“, sagte Dargatz.

Laut US-Erdbebenwarte war das zweite Beben mit einer Stärke von 7,5 der schwerste Erdstoß in Venezuela seit mehr als 125 Jahren: Im Oktober 1900 hatte ein Erdstoß der Stärke 7,7 das Land erschüttert und massive Schäden angerichtet.

Die Erdstöße waren am Mittwochabend bis in die mehr als tausend Kilometer entfernte kolumbianische Hauptstadt Bogotá zu spüren. Dort schrillten Sirenen, Bewohner liefen sicherheitshalber ins Freie. Die nationale Erdbebenwarte des Landes erhielt nach eigenen Angaben mehr als 200 Meldungen aus der Bevölkerung.

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