Sachbuch
Das monumentale Werk des Historikers Sven Beckert über die Globalgeschichte des „Kapitalismus“
Über Kapitalismus, freie Marktwirtschaft und Neoliberalismus sowie ihre Folgen, Auswüchse und Alternativen wurde schon viel geschrieben. Die Geschichte des Kapitalismus als globales Phänomen wurde jedoch noch nie so umfassend und spannend geschildert wie von Sven Beckert.
Harvard-Historiker Sven Beckert Foto: Charlie Mahoney/Universität Freiburg/Rowohlt
„Wir wissen zwar nicht, wann und wo Kaufleute das erste Mal auftauchten, doch es gab nachweislich schon im 12. Jahrhundert eine ungewöhnlich vitale und frühe Gemeinschaft von Händlern, die ihr Geschäft in der Hafenstadt Aden betrieben.“ Der deutsch-amerikanische Historiker verweist bereits im ersten von insgesamt 18 Kapiteln seines kürzlich auf Deutsch erschienenen Buches „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“, das in vier Teile gegliedert ist, auf das einst wichtigste Zentrum für den Handel über den Indischen Ozean. Er fügt hinzu, dass der Kapitalismus 1150 in Aden plötzlich „ausgebrochen“ wäre, „doch die Stadt war einer von mehreren bedeutenden Orten, die sich miteinander verbanden, um den Bach zu bilden, der später zum Fluss und schließlich zur Flut werden sollte.“
... der Bach, der später zum Fluss und schließlich zur Flut werden sollte
Sven Beckert
Historiker
Dass es ein mitreißender Fluss werden sollte, gilt auch für sein vorliegendes Werk. Der 1965 in Offenbach am Main geborene Harvard-Professor, der einst Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft in Hamburg und an der New Yorker Columbia Universität studierte, erzählt in seinem mehr als tausend Seiten starken Buch die Geschichte des Kapitalismus weder, wie es bisher immer der Fall war, also nach einzelnen Epochen oder Regionen, aus der eurozentristischen oder nordamerikanischen Perspektive noch aus der entgegengesetzten des globalen Südens, sondern als globales Phänomen in seiner weltweiten Vernetzung.
Kapitalismus und autoritäre Systeme
Der Siegeszug des Kapitalismus führt von den Anfängen im Mittelalter und in Jemen im 12. Jahrhundert, als Kaufleute in Aden ein engmaschiges Netz für den Handel zwischen Arabien und Indien schufen sowie systematische Prinzipien der Gewinnmaximierung einführten, indem sie billig ein- und teuer verkauften und ein Kreditwesen etablierten, über das Zeitalter von Imperialismus und Kolonialismus bis in jenes der Klimakrise. Es begann auf einzelnen „Inseln des Kapitals“, die sich miteinander vernetzten. Daraus ist kein eurozentristisches Narrativ entstanden, auch keine Heldengeschichte.
Die negativen Folgen des Kapitalismus, die Schattenseiten wie die Ausbeutung der Menschen, die globale Ungleichheit und Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen spart Beckert nicht aus. Auch nicht die Gegenbewegungen. Er zeigt zudem die Bedeutung staatlicher Strukturen bzw. des Staates für den Kapitalismus. Und er erklärt, wie Gewerkschafter und Umweltschützer ihm dienten, weil sie seine negativen Folgen erträglich gestalteten. Auf die aktuelle kritische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus geht Beckert jedoch kaum ein. Ebenso will er nicht mit dem Kapitalismus abrechnen. Sklaverei und Kriege werden ebenso behandelt, auch die „lokalen Erscheinungsformen des Kapitalismus“. Beckert lässt kaum etwas aus. Das Monumentalwerk mag daher für Einsteiger vielleicht zu umfassend und detailreich sein.
Beckert stellt fest, dass der Kapitalismus mit den unterschiedlichsten Herrschaftsformen kompatibel sei. Vor allem zum Ende des Ost-West-Konflikts hin wurden von einem breiten Mainstream die Prinzipien der Demokratie mit denen der freien Marktwirtschaft gleichgesetzt, und damit die Annahme, dass der Kapitalismus demokratiefördernd sei. Der Kapitalismus könne auch in autoritären Systemen gut gedeihen, in fast jedem politischen System. Sein Siegeszug begann früh und verlief langsam über Jahrhunderte, als es noch „Kapitalisten ohne Kapitalismus“ gab, wie das zweite Kapitel heißt. Die große, weltweite Vernetzung erfolgte von 1450 bis 1650, in der Zeit der Entdeckungen. Der Kapitalismus muss als eine „globale Wirtschaftsordnung“ begriffen werden. Was ihn hinderte an seiner schnelleren Ausbreitung, waren die alten Ordnungen. Es gebe keinen „französischen Kapitalismus“ oder „amerikanischen Kapitalismus“, schreibt Beckert, sondern den „Kapitalismus in Frankreich und in Amerika“ oder anderswo.
Der Autor schildert anschaulich, wie verschiedene Bereiche, vom Bankwesen bis zu den Versicherungen, florierten, ob in Aden oder Guangzhou. Die Entdeckung Amerikas war von entscheidender Bedeutung, aber nicht der einzige Faktor für die Entstehung eines globalen Marktes, so Beckert. Der Autor hatte bereits in dem 2014 erschienenen Buch „King Cotton“ die Geschichte des Kapitalismus anhand der Globalgeschichte der nicht zuletzt auf Sklaverei, Enteignung und auf eine umweltzerstörerische Monokultur aufbauenden Baumwollproduktion und deren Handels erzählt.
Händler als wahre Revolutionäre
Die Händler von Aden waren „die ersten Kapitalisten der Welt“, als der Landadel in Europa noch von Plünderungen und Tributzahlungen lebte. Sie trieben Handel mit weit entfernten Partnern, die Dau-Segelschiffe waren winzig im Verhältnis zu den heutigen Containerschiffen, die Reisen lang und gefährlich. Für Becker sind die Kaufleute die wahren Revolutionäre, vor allem in früheren Tagen, aber auch „kleine Tropfen im Meer des Wirtschaftslebens“, während sich eine „merkantile Elite“ über die Zentren der ganzen Welt verstreut hatte, die Luxusgüter kaufte und verkaufte.
Beckert weist darauf hin, dass der Großteil der Weltbevölkerung auf dem Land lebte. Er widmet zwei Kapitel der Transformation und Eroberung des ländlichen Raums. Treibende Kraft waren Kaufleute. Im Zuge der „großen Vernetzung“ des 15. und 16. Jahrhunderts kam es zum explosionsartigen Wachstum des Handelskapitalismus. Als sich der Blick verstärkt nach Westen richtete, erfolgte die Erkundung und Ausbeutung der westafrikanischen Küste. Die europäische Kontrolle über den Atlantik und die Neue Welt habe der kapitalistischen Revolution ihren eurozentristischen Charakter verliehen.
Die Kriege verschlangen enorme Summen, die von den Kaufleuten und Bankiers kamen. Es entstanden Monopole, abgesichert von Armeen und Schiffen. Deren Einfluss an den Höfen wuchs immer weiter. Beckert zieht einen Vergleich mit den Söldnergruppen der Gegenwart: die US-Firma Blackwater oder die russische Wagner-Gruppe. Krieg war ein Dauerzustand. Die kapitalistische Welt gewann an Zuwachs, wie etwa Potosí, das um 1600 die größte Stadt des amerikanischen Kontinents war, mit mehr Einwohnern als London oder Sevilla. Die Stadt, von König Karl V. als „Schatzkammer der Welt“ bezeichnet, sicherte Spanien die Macht. Allerdings war es auf Zwangsarbeit angewiesen. So war Potosí auch „der Berg, der Menschen verschlingt“.
Ähnlich Barbados. Die Monokulturen auf der Insel lieferten Zucker nach England. Sein Wert war doppelt so hoch wie der Jahreshaushalt der englischen Regierung. Zwischen 1630 und 1700 wanderten mehr Europäer in die Karibik aus als nach Nordamerika. Zwangsarbeit war allgegenwärtig. Europäische Händler brachten bis 1760 etwa 4,38 Millionen versklavte afrikanische Migranten in die Neue Welt. Sie mussten auf Plantagen und in Silberminen schuften. Ein Drittel des Kapitalvermögens des britischen Empire bestand 1788 aus Sklaven.
Von der Sklaverei zur Lohnarbeit
Nach Abschaffung der Sklaverei Mitte des 19. Jahrhunderts trat eine Lohnarbeit an ihre Stelle, die nicht wirklich frei war: In den Fabriken zur Zeit der Industriellen Revolution fand sie in einem gefängnisähnlichen Umfeld statt. Das Entstehen der Großkonzerne und der Aufstieg legendärer Unternehmer beschreibt Beckert am Beispiel von Andrew Carnegie und Carl Röchling. Letzterer schuf m Saarland ein Stahlimperium. Damals sprach man noch nicht von Kapitalismus. Selbst Karl Marx verwendete lieber den Begriff der „politischen Ökonomie“. Verbreitet wurde der Begriff von den Sozialisten in Großbritannien Mitte des 19. Jahrhunderts.
Was Antonio Gramsci als „Zeit der Monster“ bezeichnete, die Zeit zwischen den Weltkriegen, geriet zu der wohl turbulentesten Phase in der Geschichte des Kapitalismus. Die USA waren bereits zum größten Wirtschaftsgiganten geworden. Beckert widmet sich den „Rebellen“ (Kapitel 15) und der „Zähmung des Industriekapitalismus“ (Kapitel 16) bis ins neoliberale Zeitalter (Kapitel 17) und den Chicago Boys in Chile unter General Pinochet. Er behandelt die Turbulenzen um den Ölpreis in den 1970er Jahren ebenso wie den Übergang von der Industrieproduktion zur Finanzspekulation.

Foto: Rowohlt Verlag
Die Vernetzung als ein kapitalistisches Prinzip war immer auch eine Abhängigkeitsbeziehung. Die Finanzkrise bildet einen chronologischen Schlusspunkt in Beckerts großer Erzählung. Sie stellte einen Einschnitt dar. Aber hat damit eine neue Epoche begonnen? Eher nicht. Laut Beckert wird die Geschichte des Kapitalismus ein Ende haben – allerdings nicht mit einem revolutionären Knall. Der Autor verwendet hier einmal mehr die Inselmetapher. Libertäre wie Peter Thiel greifen gerne darauf zurück, wenn es um die Zukunft des Kapitalismus geht. Und um die Möglichkeiten „einer Insel“, auf die er zurückkehrt.
Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Werner Roller, Sigrid Schmid und Thomas Stauder. Rowohlt. Hamburg 2025. 1.280 Seiten. 42 Euro.