Editorial

Das Fanlager-Denken im Israel-Palästina-Konflikt muss endlich aufhören

Wenn sich in einem politischen Konflikt zwei Seiten wie fanatische Fußballfans gegenüberstehen, führt das zu gefährlichen Diskursverflachungen und Eskalationen. Das spürt man auch in Luxemburg.

Frau trägt Palästina-Fantrikot ohne Israel beim WM-Gruppenspiel Iran gegen Neuseeland in Los Angeles

Eine Frau beim WM-Gruppenspiel zwischen Iran und Neuseeland in Los Angeles – mit dem nicht-offiziellen Palästina-Fantrikot ohne Israel Foto: Getty Images via AFP

Norwegische Wikinger rudern im Stadion, die schottische Tartan Army trinkt den Biervorrat einer ganzen Stadt leer. Fußball-WM ist Fan-Zeit, „Wir gegen den Rest der Welt“. Eine Haltung, die für die 90 Minuten eines Fußballspiels völlig legitim ist, wird jedoch zum Problem, wenn man dieses Lagerdenken auf gesellschaftliche Fragen ausweitet. Und in keinem politischen Konflikt stehen sich die Positionen so unerbitterlich wie fanatische Fußballfans gegenüber wie im Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Es gibt ganz buchstäblich Fußballtrikots einer palästinensischen Mannschaft, auf denen immer die Nummer 11 gedruckt ist. Warum die 11? Weil man diese Zahl so darstellen kann wie zweimal die historischen Umrisse Palästinas nebeneinander – der Staat Israel existiert auf diesem Trikot nicht mehr. Natürlich ist das nicht das offizielle Trikot der palästinensischen Fußballnationalmannschaft – aber es ist das Trikot, das einem bei schneller Internetsuche, u.a. auf Amazon, sofort angeboten wird.

Auch auf vielen Demonstrationen sind mittlerweile zahlreiche palästinensische Flaggen zu sehen (und auch vereinzelt israelische), selbst wenn es bei diesen Protesten gar nicht um den Nahost-Konflikt geht. Am 8. März kam es in Saarbrücken sogar zu Auseinandersetzungen zwischen und einer Aufspaltung der Demo in pro-palästinensische und pro-israelische Gruppen, obwohl man sich eigentlich zum Frauenkampftag für ein gemeinsames Ziel versammelt hatte.

Diese Fanlagermentalität hat dazu geführt, dass ein komplexer Konflikt zuweilen stark vereinfacht und gleichzeitig in Sprache (und auch in körperlicher Gewalt) eskaliert. Eine Verschärfung – statt Teil einer konstruktiven Lösung. Wie sehr sich diese „Fanlager“ festgefahren haben, konnte man in den vergangenen Tagen auch in Luxemburg erleben.

Am vergangenen Wochenende trat US-Rapper Macklemore bei den Francofolies in Esch auf. Beinahe den größten Applaus bekam er für seine Solidarität mit Palästina. Die Bühne leuchtete in Rot-Weiß-Grün, auf der Leinwand prangte: „Rest in Peace to the Martyrs of Palestine“. Macklemore ist ein Beispiel für einen hehren Künstleraktivismus, der mittlerweile viele Kulturveranstaltungen in Europa prägt, und der sich dennoch die Frage gefallen lassen muss, ob er mit seiner auf ein Bühnenprogramm verkürzten, hochemotionalisierten Darstellung nicht doch mehr zur Polarisierung der Lager beiträgt als zu deren Versöhnung.

Eine ganz andere Situation, wenige Tage zuvor: Vizepremier Xavier Bettel (DP) wurde bei einem Auftritt auf Luxemburgs Tech-Konferenz Nexus von einer Zwischenruferin gestört und mit dem Vorwurf konfrontiert, warum israelische Start-ups zur Konferenz eingeladen worden seien. Bettel reagierte darauf sichtlich ungehalten, wie ein Clip zeigt, der kurze Zeit später in den sozialen Netzen kursierte. In einem Interview mit RTL erklärte sich der Minister ein paar Tage später – und stellte zu Recht fest: Wer auf einer Konferenz auftauche mit einer Kameraperson, die bereit sei, den Zwischenruf zu filmen, der wolle einen „Clash provozieren“, nicht konstruktiv beitragen. Was aber genauso ins Fußballfanlager fällt, ist Bettels Reaktion auf der Konferenz. Dort eskalierte er die kurze Debatte mit einem NS-Vergleich: Israelische Start-ups ausschließen zu wollen, käme dem berüchtigten „Kauft nicht bei Juden“ gleich.

Beim RTL-Interview gibt sich Bettel wenige Tage später weniger dampfwalzend, dafür konkret-konstruktiv. Er fordert Sanktionen gegen den israelischen Minister für nationale Sicherheit, Ben-Gvir („ein Extremist“). Aber er berichtet auch: Es gibt in Europa keine Einigkeit beim Thema Israel, weder auf Ebene der Außenminister noch auf Ebene der EU-Kommission. Die „Fanlager“ zeigen sich also nicht nur auf der Straße oder beim Konzert. Sie haben sich längst auch in den höchsten Gremien festgesetzt. So wird ein Vorankommen schwierig.

5 Kommentare
Grober J-P. 18.06.202620:38 Uhr

Glaube, einige brauchen Nachhilfe in Geschichte. H. Dörr könnten Sie mal ........ Palästina, Israel, Judentum, Muslime. Habe damals bei Joé, beim Fach Geschichte, noch zu wenig zugehört. Momentan wird alles in einen Topf geschmissen. Radikale Gottesanbeter auf beiden Seiten haben das Sagen. Daran scheitert alles.

JJ 18.06.202614:56 Uhr

Wo diese langbenagelte Dame wohl sicherer wäre? Im Frauen freundlichen Israel oder im muslimisch konservativen Iran oder Palästina? Der Judenhass scheint wieder aktuell zu werden.Jetzt wo Israel sich gegen Terror verteidigt erst recht. Wie gesagt: es hätte auch ohne Krieg abgehen können. Seit Arafat's PLO ( Friedensnobelpreis ) und den schändlichen Morden bei Olympia in München ist viel Zeit vergangen. Aber Bombenlegen in Schulbusse,Geiselnahmen,Köpfen vor laufender Kamera usw. war nie eine Sache der Juden. Dafür braucht es den friedfertigen Islam. Töten ist im Koran und im Hadith eine geläufige Aktivität und die Täter kommen auch noch in den Himmel.Wo immer das sein mag.

JJ antwortete am 19.06.202609:12 Uhr

@Luxmann,
die Alliierten zerbombten Hamburg,Berlin,Köln bis auf den letzten Ziegel.
Was für grossartige Nationen,nicht wahr.
Wer Wind säht erntet Sturm.Ein alter Schinken von Omma.

Luxmann antwortete am 18.06.202618:51 Uhr

Israel legt keine bomben in schulbusse....radiert aber dafuer ganze staedte in Gaza und deren einwohner aus.
Welch eine grossartige nation...nicht wahr?

Guy Mathey 18.06.202613:36 Uhr

Ich teile die Überlegungen von Julian Dörr absolut, ohne eine gewisse Kompromissbereitschaft auf allen Seiten, wird es unmöglich bleiben, akzeptable Lösungen auszuarbeiten.
Meiner Ansicht nach war die Gründung Israels an diesem Ort ein grosser historischer Fehler. Aber der Staat existiert nun mal und mittlerweile wurden neue Generationen Menschen in der Region geboren, welche nicht in den Gründungsprozess impliziert waren. Heute müssen gemeinsame Lösungen erarbeitet werden, welche allen, in der Region lebenden Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft und Nationalität ein Leben in Würde ermöglichen.
Die Zweistaatenlösung könnte eine gute Übergangslösung darstellen, vorausgesetzt, alle Seiten rüsten sowohl verbal wie militärisch ab und Israel zieht sich aus allen besetzten Gebieten zurück.

Grober J-P. 18.06.202609:23 Uhr

Was meint ihr dazu, diese "Fanlager", auf beiden Seiten, sind alle gottesfürchtig, oder etwa nicht? Welcher Gott ist denn nun der Größte? Würde man diese Götter aus dem Spiel lassen, wäre bestimmt ein Frieden drin, auf beiden Seiten. Fragt mal um die ehrliche Meinung. Frage: Wie erkennt man einen Palästinenser oder einen Israeli, wie einen Portugiesen oder Italiener, einen Belgier oder Franzosen, einen Deutschen oder ..........................nackt von hinten? Würde sagen, alles die selbe Rasse, ob sapiens ....?

Luxmann 18.06.202608:45 Uhr

In einem konflikt wie diesem...und auch manch anderen....sind die leute entweder gleichgueltig und neutral oder halten stark zu einer seite.
Es ist nicht anzunehmen,dass das aufhoeren wird.

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