Editorial

Luxemburg verlernt das Lesen – daran haben wir alle Schuld

38 Prozent der 15-Jährigen erreichen bei PISA nicht einmal das nötige Mindestniveau. Doch Luxemburgs Problem reicht weit über die Schulen hinaus. Wer selbst kaum noch liest, taugt schlecht als Vorbild.

Luxemburgs Kinder fallen besonders bei der Lesekompetenz weiter zurück, doch auch sonst gibt es wenig zu feiern

Luxemburgs Kinder fallen besonders bei der Lesekompetenz weiter zurück, doch auch sonst gibt es wenig zu feiern Editpress: Fotos und Collage

Werden unsere Schüler dümmer? Nein. Aber sie können schlechter lesen und rechnen als früher. Und das ist schlimm genug. Die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie zeigen das. Wer die Schuld trägt? Kinder orientieren sich an der Lesekultur der Erwachsenen. Die „PISA-Datz“ ist für uns alle.

Luxemburgs Kinder fallen besonders bei der Lesekompetenz weiter zurück. Auch sonst gibt es wenig zu feiern. Die am Dienstag veröffentlichte Vergleichsstudie der OECD bietet Luxemburg kaum Lichtblicke. Mittlerweile erreichen 38 Prozent der 15-Jährigen nicht einmal mehr jenes Kompetenzniveau, das laut PISA für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben notwendig ist.

PISA in Luxemburg: Vor allem die Lesekompetenz bricht ein

Besonders deutlich sind die Einbußen unserer 15-Jährigen beim Lesen. In Mathematik ist es nicht viel besser. Und in Naturwissenschaften liegt Luxemburg ebenfalls unter dem OECD-Schnitt. Das Land schneidet schlechter ab als bei der letzten Teilnahme im Jahr 2018. Seitdem nimmt das Land nur noch alle sechs Jahre an PISA teil.

Alarmierend ist vor allem der Verlust an Lesefähigkeit. Unterrichtsminister Claude Meisch (DP) reagierte nach der Bekanntgabe des schlechten Abschneidens des Großherzogtums umgehend. Der Smartphone-Gebrauch in den Schulen soll noch weiter eingeschränkt werden. Das ist kein falscher Ansatz: Handys, unsere alltäglichen Aufmerksamkeitsfresser, haben in Schulen nichts verloren. Und doch liegt das Problem viel tiefer. Die Ergebnisse der PISA-Studie gehen auf die Rechnung von uns allen. Mit einem Handyverbot allein wird sich das Problem deshalb nicht lösen.

Smartphone-Verbot allein löst Luxemburgs Leseproblem nicht

Wir sehen dem Verlernen des Lesens seit Jahren sehenden Auges zu. Jeder Erwachsene in diesem Land trägt seinen Teil dazu bei, einige mehr, einige weniger – und wir nehmen teilnahmslos hin, dass eine unserer wichtigsten Kulturtechniken verkümmert. Wir schauen lieber Videos auf Social Media, als einen Artikel zu lesen. Wir lassen uns von der KI auf jede noch so dämliche Frage eine Antwort ausspucken, statt dass wir selbst mal drei Quellen recherchieren und uns eine eigene Meinung bilden. All das erspart uns Anstrengung, aber auf Dauer kostet es den Verstand. Immer weniger Haushalte haben eine Zeitung im Abo und immer weniger Erwachsene greifen regelmäßig zu einem Buch – dabei sind wir die Vorbilder für unsere Kinder. Wenn die Erwachsenen zu Hause kaum lesen, warum sollte es der Nachwuchs tun?

Schlechte Lesekompetenz wird auch zum Problem für die Demokratie

Das wird auch zu einem demokratischen Problem. Klimawandel, Migration, Kriege, Renten, Staatsfinanzen oder soziale Ungleichheit lassen sich nicht in 30 Sekunden erklären. Trotzdem werden politische Debatten zunehmend auf kurze Videos, Schlagwörter und möglichst einfache Botschaften reduziert. Davon profitieren jene, die für komplizierte Probleme einfache Erklärungen anbieten.

Wir reden über Programmieren, KI-Kompetenz und Fachkräftemangel. Über die Fähigkeit, einen langen Text konzentriert zu lesen, nachzudenken und einzuordnen, reden wir viel weniger.

Vielleicht bräuchte es neben nationalen Strategien für KI und massiven Investitionen ins Militärische einen ebenso entschlossenen landesweiten Einsatz für das Lesen und Schreiben. Sonst braut sich Übles zusammen. Wir wollen kriegstüchtig und verteidigungsfähig werden und nennen es resilient. Wir sehen keine Zukunft mehr ohne künstliche Intelligenz. Gleichzeitig lassen wir Fähigkeiten verkümmern, ohne die auch die beste KI wenig wert ist: lesen, verstehen, einordnen und selbst denken.

4 Kommentare
Philippe 09.09.202611:47 Uhr

Do ass de Chef un eischter Stell , deen ass schlecht ergo können Schüler nett gudd sin.
Loost den Kanner hieren Handy an huelt der Obregkeet Handy ewech da kreien se villeicht matt waat am Land leeft.

Grober J-P. 09.09.202608:59 Uhr

"Über die Fähigkeit, einen langen Text konzentriert zu lesen, nachzudenken und einzuordnen, reden wir viel weniger. " Und vermutlich macht die gedruckte Presse mit, aus Umweltgründen? Bin auf ein paar gedruckte Blätter abonniert, nur was an Papier morgens im Briefkasten steckt wird immer dünner. Ist das gewollt? An den meisten Briefkästen in unserem Viertel fährt der Bote einfach vorbei. Nachrichten auf Handys zu lesen, eine Qual, liegt am Alter.

JJ antwortete am 10.09.202608:18 Uhr

In der Zeitung da kannst lesen was is gwesen.( Hubert von Goisern )
Den Kids(ehemals Kinder) wollen wir aber die Tagespresse nicht zumuten.Wer muss schon wissen ob Frieden im Wald spazieren geht oder ob die Nationalelf "nur" 2-0 verloren hat? Bücher lesen,das ist die Lösung. Fakten recherchieren in Büchern und nicht mit Siri oder Wiki. Der positve Nebeneffekt: Beim Lesen lernt man auch die Orthographie,sprich Schreiben und man lernt richtig denken. Wer mit einem belesenen Menschen ins Gespräch kommt merkt sofort was ich meine.

Klodi antwortete am 09.09.202614:17 Uhr

Genau sou ass et! Mär liesen awer och nach emmer léiwer moies eis Zeitung!

Fraulein Smilla 09.09.202608:14 Uhr

Benutzen Schueler in Singapur , Macao , Taiwan , Hongkong , Japan , Sued Korea kein Smartphone ?

Manfred Reinertz Barriera antwortete am 09.09.202615:56 Uhr

Hallo in Asien und Asean gibt es strikte Handyverbote in den Schulen zwecks Vermeidung von "digital addiction" .

Iris antwortete am 09.09.202614:47 Uhr

In Süd Korea hat der Staat seit langem ein Verbot ausgesprochen.Nachts ab 00.00 ist ganz Sendeschluss. Ursache ist aber nicht Leseschwäche sondern Kurzsichtigkeit bei Kindern die später zu Blindheit führt. Die Kinder saßen nicht weniger als 14 Stunden vor Flatscreens was eine Verformung des Augapfels nach sich zog.

Nerdy 08.09.202614:54 Uhr

Mein Handy und ich wissen alles.
Wo mündet der Nil?
Da musst du mein Handy fragen.

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