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Nachhaltigkeit auf olympisch – viel versprochen, wenig gehalten?

Nachhaltigkeit auf olympisch – viel versprochen, wenig gehalten?

Nach 20 Jahren kehren die Olympischen Winterspiele in die italienischen Alpen zurück. Die Spiele Milano Cortina sollen die nachhaltigsten der Geschichte werden. Doch hält dieses Versprechen einer genaueren Betrachtung stand? Je intensiver man sich mit den Planungen befasst, desto berechtigter wird die Frage, ob wir Olympia in dieser Form mit einem Investitionsvolumen von rund fünf Milliarden Euro überhaupt noch brauchen. Die Zeit für neue Wintersportzentren und die weitere Versiegelung sensibler Berglandschaften sollte eigentlich vorbei sein. Der Klimawandel macht sich in den Alpen längst bemerkbar. Massive Felsstürze und Gletscherabbrüche häufen sich, und die Gletscherschmelze beschleunigt sich von Jahr zu Jahr.

Die Organisatoren verweisen zwar darauf, dass etwa 85 Prozent der Wettkampfstätten bereits existieren. Doch Nachhaltigkeit ist bei Mega-Events zu einem leeren Schlagwort verkommen, das zwar regelmäßig beschworen, aber selten eingehalten wird. Mahnende Beispiele hierfür sind die „Lost Places“ früherer Winterspiele: verlassene Sportanlagen und verfallene Infrastrukturen, die bis heute von überdimensionierten Prestigeprojekten zeugen.

Dass solche Projekte weiterhin Vorrang haben, zeigen die Neubauten der Bobbahn in Cortina für mehr als 120 Millionen Euro und der Santa-Giulia-Arena in Mailand. Dies ist umso fragwürdiger, da das Internationale Olympische Komitee die Nutzung bestehender Bobbahnen im benachbarten Ausland ausdrücklich befürwortet hätte. Noch schwerer wiegt jedoch der massive Ausbau der Infrastruktur. Umweltorganisationen sprechen von rund 79 Bauprojekten, darunter neue Kunstschneeanlagen. Hinzu kommen 45 Straßenbauvorhaben mit geschätzten Kosten von etwa 2,8 Milliarden Euro. Neue Verkehrsachsen durch die sensiblen Dolomiten als Beitrag zum Klimaschutz zu verkaufen, verkennt die Realität und birgt die Gefahr eines erneuten finanziellen und ökologischen Fiaskos. Hinzu kommt die extreme geografische Zersplitterung der Austragungsorte. Fahrzeiten von vier bis fünf Stunden zwischen den Wettkampfstätten sind keine Seltenheit. Athletinnen und Athleten, Funktionäre, Medienvertreter und Zuschauer müssen von Mailand über Cortina bis nach Antholz, Bormio, ins Val di Fiemme und nach Livigno transportiert werden.

Dieses logistische Monster hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun. Echte Nachhaltigkeit bedeutet hingegen, Ressourcen zu schonen und langfristig zu denken. Als Zukunftsmodell wird zunehmend das sogenannte „One-Village-Concept“ diskutiert, bei dem nahezu alle Beteiligten in einem zentralen olympischen Dorf zusammenkommen. In Italien hingegen werden die Athlet:innen durch das gesamte Alpengebiet gefahren, um schließlich an der Abschlussfeier in Verona teilzunehmen. Wenn Nachhaltigkeit mehr sein soll als ein Marketingversprechen, braucht Olympia einen radikalen Kurswechsel: kleinere Dimensionen, weniger Standorte, echte Zurückhaltung. Wenn sich nichts ändert, hinterlassen die Spiele vor allem eines: Beton in den Bergen und die immer drängendere Frage, ob wir uns diesen olympischen Gigantismus überhaupt noch leisten wollen.

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