Editorial

Rechtspopulistin macht Stimmung mit den Ereignissen in Ceuta

Wieder einmal wurde in der EU ein Vorkommnis mit irregulären Migranten zur Stimmungsmache missbraucht, anstatt den Fakten entsprechend zu handeln, meint Guy Kemp im Leitartikel.

Spanische Soldaten begleiten eine Gruppe irregulärer Migranten in Ceuta an die Grenze zu Marokko

Spanische Soldaten begleiten eine Gruppe irregulärer Migranten in Ceuta an die Grenze zu Marokko Foto: Henry Nicholls/AFP

Die Geschehnisse der vergangenen Woche in der spanischen Exklave Ceuta sind für die Europäische Union ein Fiasko. Das hätte so nie passieren dürfen. Damit dürften die 27 noch einige Zeit beschäftigt sein. Dass ausgerechnet die dänische Sozialdemokratin Mette Frederiksen der italienischen Rechtspopulistin Giorgia Meloni beisprang, um sie bei ihrem Vorgehen gegen Spanien zu unterstützen und somit einen Keil zwischen die EU-Staaten zu treiben, ist nicht sonderlich überraschend. Es zeigt aber wieder einmal, dass es bei der europäischen Migrationspolitik weiterhin vor allem um Stimmungsmache geht. Denn es ist offensichtlich nichts anderes, was die beiden Regierungschefinnen mit ihrem gemeinsamen Brief und ihren Aussagen bewirkt haben. Den beiden sind noch 20 weitere EU-Chefs auf den Leim gegangen, oder verfolgten einfach nur das gleiche Ziel. Hauptsache rechtzeitig auf der Empörungswelle mitschwimmen.

Damit sollen die Ereignisse in Ceuta nicht kleingeredet werden. Die Ankunft von mehreren Zehntausend meist jungen Männern binnen kürzester Zeit in der spanischen Exklave war durchaus ein gravierendes Problem, vor allem für die Bewohner der Stadt. Doch noch immer hielten sich diese vielen Menschen in Nordafrika auf, zu viele Kilometer von der Küste des europäischen Festlands entfernt, als dass auch die schwimmend von so vielen erreicht werden könnte. Und die irregulär über die Grenze Gekommenen befanden sich nicht einmal im Schengenraum. Dennoch wurde der Massenandrang nach Ceuta als eine Art Invasion dargestellt, die eine Bedrohung für die Sicherheit Europas von Nordafrika bis hoch hinauf in den Norden des Kontinents nach Finnland sei.

Meloni verlangte umgehend die Suspendierung Spaniens aus dem Schengenraum, auch wenn die Fakten dafür keinen Anlass boten. Doch warum sollte sich die Rechtspopulistin mit der Realität herumschlagen, wenn die Emotionen über die Horden an jungen Männern vor der Tür bereits entfacht waren? Doch diese waren, teils nur in Badelatschen und dem wenigen, was sie am Körper trugen, sowie erschöpft von ihrem Kraftakt durchs Meer, den viele wohl nur durch die anfängliche Euphorie über die Aussicht auf ein besseres Leben geschafft hatten, nicht weit gekommen. Vielmehr waren sie dort angekommen, von wo aus es für sie nicht mehr weitergehen sollte. Auch das hätte entsprechend in den europäischen Staatskanzleien erkannt werden können, bevor übereilt Schlüsse gezogen wurden und ein Brief unterzeichnet wurde, was am Ende nun mehr Schaden angerichtet hat als die Ereignisse selbst.

Denn in Libyen und der Türkei, in Russland und Belarus wurde genau registriert, wie leicht und schnell zugleich Zwist zwischen den 27 geschürt werden kann. Es war ein grober Fehler, die Regierung in Madrid zu beschuldigen und nicht sofort gemeinsam mit Spanien die Reihen zu schließen und erst einmal Marokko vor seine Verantwortung zu stellen.

Doch offensichtlich bot die kurzzeitige Krisensituation in Ceuta vor allem der politischen Rechten in Europa die Gelegenheit, über die pragmatische Immigrationspolitik der Regierung von Pedro Sánchez herzuziehen. Deren Plan eines von großen Teilen der spanischen Gesellschaft getragenen Regularisierungsprogramms Hunderttausender irregulärer Migranten im Land ist den Melonis und anderen Scharfmachern ein Dorn im Auge.

Lob gebührt der luxemburgischen Regierung, die sich nicht für Melonis Stimmungsmache hat einspannen lassen und ihren Brief nicht mitunterzeichnet hat. Man darf daher erwarten, dass der luxemburgische Innenminister Léon Gloden bei der heutigen Videokonferenz mit seinen EU-Amtskollegen zum Thema weiterhin Besonnenheit walten lässt.

4 Kommentare
Fraulein Smilla 04.08.202612:17 Uhr

Anscheinend wurde Melonie inzwischen von der Postfaschistin auf Rechtspopulistin runter gestuft . Komplett grotesk solche Attribute .Sie wird mit Sicherheit den Langlebigkeitsrekord einer italienischen Regierung knacken und in den Umfragen liegt ihre Partei immer noch an 1ter Stelle . Sie kann also nicht alles falsch gemacht haben . Ein politisches , rhetorisches Talent wie Melonie , sei es von links ( Linkspopulistin ? ) oder von rechts waere auch fuer Luxemburg nur zu begruessen .

Manfred Reinertz Barriera antwortete am 05.08.202618:39 Uhr

Frau Meloni macht in den Augen der Italiener eben die richtige Politik; nur wir haben keine Politiker von diesem Format in Luxemburg, nur einen CEO der immer irgendwo im Walde rumspazieren tut und seine Rasselbande von Ministern und Ministerinnen, die jetzt wohl alle ab in die Ferien sind.....

Luxmann 04.08.202611:36 Uhr

Dass die deutschen bei dieser "petition" unterschreiben ist jetzt nicht die grosse ueberraschung.
Die haben den Schengen vertrag ja bereits ausgesetzt aus furcht dass ein paar Luxemburger ihr. Land mit covid infizieren und danach aus gruenden ,an die sie sich selbst wohl auch nicht mehr genau erinnern.

CG 04.08.202610:00 Uhr

Frau Meloni sollte sich an 2023 erinnern als Lampedusa Ziel tunesischer Migranten war und sie keinen anderen Ausweg sah als Hilfe aus Brüssel anzufordern. Leider haben vor allem rechtsgerichtete Politiker ein schlechtes Erinnerunsgvermögen, was aber auch für die dänische Ministerpräsidentin und für den deutschen Innenminister Dobrindt gilt, der immer noch an den deutschen Grenzkontrollen festhält.

Guy Mathey 04.08.202609:11 Uhr

Georgia Meloni hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen um ihre wahre, hässliche Faschistenfratze zu zeigen. Dass manch andere Politiker*innen auf ihren braunen Hetz- und Hasszug aufspringen, lässt tief blicken, ist jedoch kaum überraschend. Der deutsche Fettnäpfchensuchkanzler Fritze Merz hat sich bereits vor geraumer Zeit als Steigbügelhalter der Faschisten geoutet, wieso Mette Frederiksen sich immer noch Sozialdemokratin nennt, steht wohl in dem Spruch "Wer hat uns verraten...".
Die von derartigen Politiker*innen für unsere Demokratie ausgehende Gefahr kann gar nicht überschätzt werden. Da ist es insgesamt ein schwacher Trost, dass Luxemburgs Regierung diesmal klar auf der richtigen Seite steht, wofür ihr dennoch ausdrücklich Dank gebührt.

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