Editorial
Seltsame Stimmung – Es herrscht wenig Vorfreude auf die WM 2026
In seinem Editorial erklärt Dan Elvinger, warum er derzeit keine WM-Euphorie spürt.
Am 11. Juni beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft Foto: AFP
In acht Tagen, am 11. Juni, beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Ein Turnier von historischer Dimension, denn erstmals wird es in drei Ländern ausgetragen, erstmals sind 48 Mannschaften dabei. Die Zuschauer werden mehr Spiele als je zuvor sehen und mehr Nationen als je zuvor werden direkt vom Großevent betroffen sein. Die Reichweite könnte nicht größer sein.
Doch irgendwie hat man das Gefühl, dass die Vorfreude auf diesen gigantischen Wettbewerb getrübt ist. Und das obwohl man davon ausgehen kann, dass wenn der Ball erst einmal rollt, die Stadien voll sein werden und die Einschaltquoten Rekorde brechen werden.
FIFA-Präsident Gianni Infantino nannte das Turnier „die größte und inklusivste Weltmeisterschaft aller Zeiten“. Ein Turnier für alle demnach. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die dynamischen Preismodelle des Weltverbandes sorgen nämlich dafür, dass Tickets für die normalen Fans teilweise unbezahlbar werden.
Laut der Price-Tracking-Plattform Ticketdata.com muss man aktuell mindestens 418 US-Dollar (umgerechnet rund 358 Euro) hinblättern, um sich das wenig attraktive Vorrundenspiel zwischen Südkorea und der Tschechischen Republik anzusehen. Der Fan, der beim Halbfinale dabei sein will, muss derzeit mit mindestens 2.300 US Dollar (1974 Euro) rechnen. Solche Preise kennt man eigentlich nur vom Super Bowl, aber nicht von einer Fußball-Weltmeisterschaft.
Die Preisfrage berührt den politischen und menschlichen Kern des modernen Fußballs. Die beliebteste Sportart der Welt war von jeher ein Zeitvertreib für Jedermann. Arbeiter, Akademiker, Familien und Jugendliche kommen auf einem Fußballplatz zusammen. Wenn jedoch der Stadionbesuch zum Luxusgut wird, dann kommt diese Kultur des Zusammenseins abhanden.
Bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko kommt auch noch hinzu, dass die Distanzen zwischen den einzelnen Standorten gewaltig sind. Rund sechs Flugstunden liegen beispielsweise zwischen Vancouver und Miami. Noch nie gab es eine WM mit einer größeren geografischen Ausdehnung. Die Flexibilität der WM-Reisenden ist deutlich eingeschränkter als je zuvor.
Ein weiteres Problem ist die derzeitige politische Lage in den USA. Die Vereinigten Staaten werden durch die Trump-Politik immer unbeliebter als Reiseziel und durchleben derzeit eine extreme gesellschaftliche Spaltung. Mexiko kämpft mit wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen, während es in Kanada vergleichsweise ruhig zugeht.
Warum die Euphorie derzeit nicht überschwappen will, hat aber vor allem mit fehlender emotionaler Aufladung zu tun. Sogar die WM im Katar sorgte für mehr Diskussionen als der Start des Turniers „overseas“. Fußball ist zumindest in den USA und Kanada nicht so identitätsbildend wie in Brasilien, Argentinien, Deutschland oder anderen Ländern. Bisher erscheint die WM eher als Marketing-Event denn als kulturelles Großereignis, was es eigentlich sein sollte.
Infantino und seine FIFA-Mannschaft sind auf Gewinn-Maximierung aus und werden diese Philosophie in den kommenden Jahren noch mehr ausschlachten. Fußball lebt jedoch nicht von VIP-Logen und dynamischen Preismodellen, sondern von den Fans, auf den Rängen, von den Menschen die auf ein solches Turnier hinfiebern und es erst zu einem unvergesslichen Großereignis machen.
Die FIFA wäre gut beraten, diese Erkenntnis ernst zu nehmen. Wer die WM ausschließlich als Produkt versteht, riskiert, ihre eigentliche Seele zu verlieren.