Editorial

Über die Politik der Härte und die „Durchrohung der Gesellschaft“

Während sich die europäischen Länder nach außen abschotten, findet im Innern eine „Durchrohung der Gesellschaft“ statt. Diese hängt unter anderem mit dem drohenden Ende des Sozialstaates zusammen.

Diamant wird präzise geschliffen, symbolisch für politische Hardliner im Wettbewerb um Härtegrade und Durchsetzungsstärke.

Ein Diamant wird geschliffen. Die Hardliner in der Politik wetteifern auch um Härtegrade. Foto: dpa/Oliver Berg

Gewalt unter Jugendlichen und Kindern, Gewalt in der Schule und gegen Lehrkräfte, wie jüngst aus einer Umfrage des Syndikats Erziehung und Wissenschaft SEW des OGBL hervorging. Aber auch die Polizei berichtet über Fälle von Beleidigungen und körperlichen Attacken, denen die Beamten ausgesetzt sind. So hat die Generalinspektion der Polizei vor einigen Tagen eine Studie vorgestellt, wonach 83 Prozent der Befragten angaben, im Lauf ihres Berufslebens schon Ziel von Gewalt oder „Rebellion“ gewesen zu sein. Drei Viertel sagten, dass dies in den vergangenen zwölf Monaten geschehen sei. Mehr als 50 Prozent der Polizisten sind schon einmal verletzt worden. Laut L’essentiel sagte Innenminister Léon Gloden, die Strafen müssten „deutlich härter“ ausfallen. Doch die Angriffe richten sich auch gegen Rettungsdienste, Pflegekräfte und Feuerwehrleute, Busfahrer und Zugbegleiter, des Weiteren gegen Bürgermeister und andere Würdenträger, gegen Mitarbeiter von Ämtern ebenso wie gegen Fußballschiedsrichter. Dabei stellt sich die Frage: Was stimmt nicht in unserer Gesellschaft?

Wobei hinzuzufügen ist, dass die genannten Tendenzen nicht nur für Luxemburg, sondern für viele Länder Europas gelten. Nach außen inszenieren sich Politiker wie der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt und sein österreichischer Amtskollege Gerhard Karner als Hardliner in der Asylpolitik, indem sie „knallharte“ Pläne und eine „Nulltoleranzpolitik“ verfolgen. Die Wiener Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin Judith Kohlenberger schreibt von einer „neuen Härte“ und stellt fest, dass ein immer höheres Maß an Energie, Zeit und Geld in die Produktion von Sicherheit investiert werde. Lösungen wie Nationalismus und Abschottung haben Konjunktur, während Gewalt und Verrohung immer mehr den Alltag durchdringen. Der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht von der „Durchrohung der Gesellschaft“. Für Empathie gibt es in der neoliberalen Leistungsgesellschaft keinen Platz, das Gebot der Härte hat Vorrang. Selbstbezogenheit gilt vor „Otherishness“.

Die ganze Menschheitsgeschichte ist eine Gewaltgeschichte. Nachdem sie im 20. Jahrhundert in den beiden Weltkriegen gipfelte, wurde die Gewalt stärker eingehegt, wie Kohlenberger konstatiert, „nicht zuletzt durch den neuen Wohlfahrtsstaat“. Im Vereinigten Königreich rief die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher vor mehr als 40 Jahren mit ihrer neoliberalen Revolution dessen Ende aus. In anderen Ländern wird gegenwärtig mit der Kettensäge Hand angelegt. Rente, Pflege, Gesundheit sind Stichworte für Reformen, mit denen heute das Ende des Sozialstaates in Ländern wie Luxemburg oder Deutschland eingeläutet zu werden droht. In Luxemburg lebte 2025 fast jeder siebte Mensch in Armut oder mit dem Armutsrisiko. Wie die Forscher Alessio Fusco und Philippe Van Kerm mit einer Untersuchung zeigen, ist in den vergangenen 40 Jahren die relative Armut stärker gestiegen als in anderen europäischen Ländern. Vom hohen Wirtschaftswachstum profitierte vor allem die Oberschicht.

Ungleichheit spielt in der Kriminalitätsforschung heute eine große Rolle. Dass die soziale Kluft und Einkommensungleichheit Kriminalität und Gewalt fördern, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Statistiken belegen den Zusammenhang zwischen extremer sozialer Ungleichheit und hohen Kriminalitätsraten. Länder mit einer großen Kluft zwischen Arm und Reich verzeichnen eine hohe Rate an Gewaltverbrechen. Betroffen sind vor allem Menschen aus benachteiligten Schichten. Statt mit Sozialpolitik antworten die in diesen Ländern heute mehrheitlich rechtsgerichteten Regierungen mit Härte. Ihre Devise lautet wie bei den Diamanten: Was zählt, ist das Maximum – die Härte 10.

4 Kommentare
Fraulein Smilla 20.05.202609:50 Uhr

Die Partei , die die letzten 40 Jahre am laengsten am Ruder war , ist die LSAP . Ein ist sicher , mit populistischen Forderungen wie 35 Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich oder einer 6ten Urlaubswoche , also work life balance vor Produktivitaet wird man die doch eher relative Armut ( wir klagen auf hohem niveau ) nicht bekaempfen .

Manfred Reinertz Barriera 19.05.202618:58 Uhr

In Luxemburg lebte 2025 fast jeder siebte Mensch in Armut oder mit dem Armutsrisiko. d.h. also dass Marx mit seiner Pauperisierungstheorie also doch noch recht hatte? (von lat. pauper = arm) ist ein zentraler Bestandteil der marxistischen Ökonomie. Sie besagt, dass der Kapitalismus strukturell darauf ausgelegt ist, die Arbeiterklasse zunehmend zu verarmen, was letztlich zum Zusammenbruch des Systems und zur sozialistischen Revolution führen soll. Quid??? Deshalb hat also JCJ einen Kranz aufs Grab des grosssen Soziologen in Trier hinterlegt...

Fraulein Smilla antwortete am 20.05.202611:50 Uhr

Die letzte Ruhestaette der grossen Soziologen befindet sich in London , nicht in Tier und Juncker hat bestimmt nie einen Kranz da hinterlegt .

Fraulein Smilla antwortete am 20.05.202610:11 Uhr

Ich habe Marx nicht gelesen . ( Bin nach circ 100 Seiten von das Kapital glorreich gescheitert ) . Sollte er aber wirklich behauptet haben , der Kapitalismus wolle die Arbeiterklasse verarmen lassen , eine Klasse die zu seiner Zeit eigentlich verarmt war , dann hat Marx wie so oft sich komplett geirrt . Der Kapitalismus , inzwischen das universelle Wirtschaftsmodell hat die Armut weltweit dramatisch zurueckgedraengt .Er , der Kapitalismus wuerde sich ins eigene Knie schiessen weil Arme als Konsumenten ausscheiden wuerden .

Emil Müller 19.05.202613:38 Uhr

Wir ernten was wir säen, selten trifft ein Spruch so ins Schwarze. Hier ist eine Wahrheit die keiner heute hören will, der aktuelle Trieb, dass jeder Mensch gleich sei, zerstört die Basis des Sozialbefindens. Durch die Öffnung des Arbeitsmarkts für alle Stieg die Inflation rapide an, welches nur zu einem weiteren Faktor der sozialen Ungleichheit wurde. Die einzigen Profiteure sind der Staat (mehr Steuergeld einnahmen) und die Kranken- & Rentenkasse. Es wurden viele Sektoren geschaffen, welche vorher nie gebraucht wurde (Bsp. Kinderbetreung), welche nur existieren, da die "klassische" Familie nicht mehr gebraucht wird. Dies half den Kassen das grundlegende Problem für einige Zeit aufzuschieben. Nun gibt es die "klassische" Familie kaum noch und die Verantwortung das Sozialsystem zu finanzieren fällt auf immer weniger Kinder, welche immer mehr Lasten tragen müssen. Wir finanzieren diese Ungleichheit im Augenblick noch durch Massenzuwanderung, ignorieren aber immer mehr die Folgen dies

JJ 19.05.202609:09 Uhr

Respekt ist zum Fremdwort geworden. Kinder lernen sehr früh dass ihnen nichts passieren kann wenn sie Fehler machen.Sie werden oft vom Flat - Screen erzogen. Die Medien könnten eine wunderbare Lernbasis darstellen und gebildete Eltern und ein soziales Umfeld ,das den Namen verdient, würden einen soliden Stamm für zukünftige Generationen darstellen. Statt dessen flimmert der größte Schwachsinn durch die Medien und Eltern haben kaum Zeit für ihre Kinder. "Wir züchten eine Generation von geistigen Krüppeln heran die nur auf Konsum bedacht ist . Brauchen wir Intellektuelle und gut Ausgebildete? Nein. Wir brauchen Konsumenten.Und da kann ein gewisses Maß an Dummheit doch nur förderlich sein." ( L.Dombrowski-Kabarettist G.Schramm). Gewalt als Freizeitbeschäftigung kommt gleich danach.

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