Forum von Dan Jorgensen

Wir brauchen mehr Energie „made in Europe“, um unabhängig zu werden

Der amerikanische Humorist Will Rogers stellte fest, dass es in dieser Welt drei Arten von Menschen gibt: diejenigen, die durch Lesen lernen; diejenigen, die durch Beobachtung lernen; und den Rest, der selbst gegen den Elektrozaun pinkeln muss. In Europa haben wir auf die harte Weise gelernt.

Die Erneuerbaren müssen weiterhin ausgebaut werden

Die Erneuerbaren müssen weiterhin ausgebaut werden Foto: Christoph Schmidt/dpa

Die russische Invasion der Ukraine und die daraus resultierenden Probleme haben unser Energiesystem auf den Kopf gestellt. Vor Kurzem erst hat der Konflikt in der Golfregion neue Schockwellen ausgelöst. Aufgrund unserer Erfahrungen mit der Energiekrise im Jahr 2022 war Europa besser vorbereitet. Tatsache ist jedoch, dass wir immer noch externen Einflüssen ausgeliefert sind. Seit Beginn des Konflikts hat die EU über 100 Milliarden Euro mehr für importiertes Öl und Gas ausgegeben als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Diese Lektion ist nicht nur hart, sondern auch teuer.

Und sie könnte nicht deutlicher sein: Wir müssen so weit wie möglich und so bald wie möglich unabhängig von der Einfuhr fossiler Brennstoffe werden. Je mehr saubere Energie wir aus heimischen Quellen wie erneuerbaren Energien, Kernenergie und Geothermie selbst erzeugen, desto niedriger werden unsere Rechnungen. Gleichzeitig sorgen wir so auch für unsere Versorgungssicherheit, senken unsere Emissionen und stärken unsere Energieunabhängigkeit.

Zur Person

Wir brauchen mehr Energie „made in Europe“, um unabhängig zu werden

Dan Jørgensen ist EU-Kommissar für Energie und Wohnungswesen

Dies ist also die Richtung, die es einzuschlagen gilt. Im vergangenen Jahr haben wir unser Energiesystem um 89 Gigawatt an erneuerbarer Energie erweitert. Ein Gigawatt reicht aus, um bis zu eine Million Haushalte mit Strom zu versorgen! Und zum ersten Mal überhaupt hat die EU mehr Strom aus Solar- und Windenergie als aus fossilen Brennstoffen erzeugt. Mit anderen Worten ist ein größerer Teil unserer Energie „made in Europe“, was unsere Abhängigkeit von der Einfuhr fossiler Brennstoffe verringert. Seit 2022 haben wir unseren Gasverbrauch erheblich gesenkt, und zwar um etwa 17 Prozent.

Gemeinsame Vernetzung

Aber es geht nicht nur darum, wie Europa Strom erzeugt, sondern auch darum, wie wir ihn untereinander teilen. In den letzten Jahrzehnten haben die EU-Länder ihre Strommärkte so stark wie nirgendwo anders auf der Welt miteinander vernetzt. Dadurch wird es wesentlich einfacher, einander in Zeiten des Bedarfs mit Strom zu versorgen und Strom grenzüberschreitend zum günstigsten Preis zu kaufen und zu verkaufen.

Diese Fortschritte haben die Grundfeste unseres Energiesystems verstärkt. Aber können diese Grundfeste in solch unsicheren Zeiten standhalten? Ich bin davon überzeugt, sie können und werden – solange wir an einer verlässlichen Strategie festhalten. Gute Pläne und Zusagen sind nur ein erster Schritt, auf den eine tatsächliche Umsetzung vor Ort folgen muss. Die Verantwortung für diesen nächsten Schritt liegt bei vielen Interessenträgern: von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten bis hin zu Regionen und Unternehmen.

Zunächst müssen wir unsere interne Energieversorgung weiter ausbauen, aber gleichzeitig auch unsere externe Versorgung weiter diversifizieren. Über viele Jahre, sogar Jahrzehnte, haben wir 40 Prozent unserer Erdgaseinfuhren aus Russland bezogen. Jetzt liegt dieser Anteil nur noch bei knapp über 10 Prozent und wird bald auf null sinken, weil wir ein Einfuhrverbot für russisches Gas in den EU-Rechtsvorschriften verankert haben. Während wir den Gashahn aus Russland schließen, öffnen wir die Türen für eine vielfältigere Reihe zuverlässiger Lieferanten. Und diese Lieferanten wissen, dass wir verlässliche Abnehmer sind. Die EU steht für Freihandel – unser Markt ist fair, stabil und offen für Unternehmen. Da der Energiehandel über Erdöl und Erdgas hinausgeht, strebt Europa außerdem eine Diversifizierung der Energiequellen an, wobei Elektrizität und neue saubere Energieträger schrittweise ausgebaut werden.

Viele neue Investitionen

Des Weiteren umfasst ein Energiesystem viele Akteure aus dem öffentlichen und privaten Bereich. Dies könnte unterschiedliche Interessen mit sich bringen, aber in Europa spielen wir als Team. Die Mitgliedstaaten stimmen sich eng ab, um Notfallverfahren festzulegen und die Nutzung von Öl- und Gasreserven einzuleiten. Auch die europäischen Unternehmen spielen eine Schlüsselrolle – sie sind auf den Weltmärkten sehr aktiv und beziehen so die Energie, die wir benötigen, zum bestmöglichen Preis. Darüber hinaus ist Europa attraktiv für Investoren, die unsere Stabilität und Berechenbarkeit schätzen.

Aus diesem Grund wurden in den letzten Jahren zahlreiche Investitionen in die Energieinfrastruktur der EU getätigt: Seit 2023 machen erneuerbare Energien den größten Anteil privater Investitionen in die europäische Infrastruktur aus und beliefen sich 2024 auf 15,5 Milliarden Euro – ein Wachstum von mehr als 150 Prozent seit 2020. Die Aufrechterhaltung dieser guten Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren unseres Energiesystems wird in den kommenden Jahren von entscheidender Bedeutung sein. Einfacher gesagt: Wir arbeiten besser, wenn wir zusammenarbeiten.

Darüber hinaus müssen wir in eine neue Phase unserer Energiewende eintreten: die Beschleunigungsphase. Wir stärken daher das europäische Energienetz, indem wir die Wartezeiten für Projekte im Bereich der sauberen Energie verkürzen, grenzüberschreitende Verbindungen stärken und die Planung unseres Netzes verbessern. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Wirtschaft der EU zu elektrifizieren, damit unsere Haushalte, Industrien und Verkehrsträger alle von der billigen, sauberen Energie profitieren können, die wir erzeugen. Um unsere erneuerbaren Ressourcen mit einem zuverlässigen Backup auszustatten, können wir uns auf die bestehenden Kernkraftanlagen stützen und auch die nächste Generation der Kernenergie voranbringen. Durch die Stärkung der Zusammenarbeit der EU bei neuen Technologien wie kleinen modularen Reaktoren und Kernfusion können wir Europa in den Mittelpunkt des nuklearen Fortschritts stellen.

In den kommenden Monaten werden wir darlegen, wie das europäische Energiesystem in den nächsten zehn Jahren aussehen soll. Durch die Festlegung konkreter Ziele für erneuerbare Energien, Effizienz und Elektrifizierung bis 2040 können wir vertrauensvoll und zielgerichtet gemeinsam in unser Energiesystem investieren.

Diese gemeinsame Ausrichtung wird uns nicht nur hin zur Klimaneutralität führen, sondern auch unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Energieunabhängigkeit verbessern. Dies ist eine wichtige Lehre aus den Krisen der Vergangenheit: Energiewende und Energieversorgungssicherheit gehen Hand in Hand. Wenn uns dies klar ist, können wir künftige Krisen vermeiden.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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