Mord an Lyhanna

„La voix des survivant(e)s“: Premierminister Luc Frieden muss Luxemburgs Justizsystem verbessern

Die Tötung der elfjährigen Lyhanna erschüttert Frankreich. Obwohl der Tatverdächtige der Justiz bekannt war, wurde die Tragödie nicht verhindert. Für die Luxemburger Organisation „La voix des survivant(e)s“ ist das kein Einzelfall. In einem offenen Brief fordert sie Premierminister Luc Frieden zum Gespräch auf.

La voix des survivant(e)s, darunter die Präsidentin Ana Pinto (4 v.r.), bevor sie der Abgeordnetenkammer 2025 ihren Forderungskatalog vorstellte

„La voix des survivant(e)s“, darunter die Präsidentin Ana Pinto (4.v.r.), bevor sie der Abgeordnetenkammer 2025 ihren Forderungskatalog vorstellte Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Lyhanna wurde mit elf Jahren ermordet. Der Tatverdächtige ist kein unbeschriebenes Blatt: Er wurde unter anderem mehrfach wegen Kindesmissbrauchs angezeigt. Ohne Folgen. Das Justizversagen versammelt zahlreiche Menschen auf Frankreichs Straßen – und veranlasst die Luxemburger Organisation „La voix des survivant(e)s“ (LVDS) klare Worte an den Premierminister Luc Frieden (CSV) zu richten.

Zahlen, Dauer und die Macht der Kinder

„Au Luxembourg, un viol sur mineur est déclaré tous les huit jours au parquet“, schreibt LVDS an Frieden. „Sur les 220 plaintes déposées entre 2019 et 2023, 27 pour cent ont été classées sans suite.“ Zu viele, findet LVDS. Noch dazu seien die Prozeduren lang. In manchen Fällen würden sie sich über sechs Jahre erstrecken. Das belaste die Betroffenen zusätzlich, weshalb eine intensive Begleitung über den Prozess hinweg notwendig wäre. Die Bearbeitungsdauer müsse zudem reduziert werden, besonders wenn Minderjährige beteiligt seien.

Sur les 220 plaintes déposées entre 2019 et 2023, 27 pour cent ont été classées sans suite

La voix des survivant(e)s

Organisation von Überlebenden von Gewalt

Die Organisation hebt inzestuöse Vorfälle hervor: „Notre association est régulièrement interpellée par des parents protecteurs qui affirment avoir alerté les autorités après des révélations de leur enfant et qui ont le sentiment de ne pas avoir été entendus ou pris suffisamment au sérieux.“ Das Elternteil, das die Vorwürfe erhebe, gehe oft geschwächt aus dem Verfahren hervor; den Kindern glaube man zu selten.

57 Schritte zur Lösung

In dem Brief erinnert die Organisation an ihren Forderungskatalog im Kampf gegen genderbasierte Gewalt und zum Schutz leidtragender Kinder, den sie der Luxemburger Regierung 2024 vorlegte. Sie präsentierte die 57 Reformvorschläge vergangenes Jahr in der Abgeordnetenkammer, nachdem die dazugehörige Unterschriftensammlung die notwendige Unterstützung fand. Die Justizministerin Elisabeth Margue (CSV) war anwesend.

LVDS schlägt unter anderem die Gründung eines Gerichts oder einer besonderen Justizkammer vor: Sie sollen Justiz-Personal zusammenbringen, das auf sexualisierte und innerfamiliäre Gewalt, Traumata sowie Kontrollmechanismen spezialisiert ist. Margue stellte bereits in Aussicht – die Umsetzung sei schwer, sie ziehe Weiterbildungen vor.

Nous demandons un calendrier concret, des engagements précis. Pas dans six mois. Pas après le prochain drame. Maintenant. Nous sommes prêts à vous rencontrer pour en discuter.

La voix des survivant(e)s

Organisation von Überlebenden von Gewalt

Letzteres ist im Sinne von LVDS, das obligatorische Schulungen für alle vorschlägt, die entsprechende Dossiers bearbeiten. Darüber hinaus solle das Personal des gesamten Justizapparats aufgestockt werden.

Druck im Kessel

Bis dahin freut sich LVDS über einen Fortschritt – im April verabschiedete die Abgeordnetenkammer eine Motion, nach der Luxemburg eine unabhängige Kommission zur Gewalt an Kindern erhalten soll. LVDS ermahnt die Regierung nun, die zeitnahe Verwirklichung sicherzustellen.

Am Ende macht LVDS Luc Frieden Druck: „Nous demandons un calendrier concret, des engagements précis. Pas dans six mois. Pas après le prochain drame. Maintenant. Nous sommes prêts à vous rencontrer pour en discuter.“

2 Kommentare
Guy Mathey 17.06.202614:01 Uhr

Es ist Aufgabe der gesamten Regierung und des Parlaments, den überaus berechtigten Forderungen der engagierten Vereinigung LVDS JETZT endlich nachzukommen und zeitnah die erforderlichen Massnahmen umzusetzen. Der Fall Lyhanna und die damit zusammenhängenden Missstände sind keineswegs spezifisch französisch sondern überall bittere Realität.
Übrigens ist das unerträgliche, ja zutiefst heuchlerische Gebaren populistischer rechter Politiker, wie etwa dem aktuellen französischem Justizminister Gerald Darmanin, gegen den übrigens bereits auch wegen Vergewaltigung ermittelt wurde, und die während der letzten Jahrzehnte alle Bemühungen zur Verbesserung der Lage blockiert haben, ebenfalls keineswegs spezifisch französisch.
Handlungsbedarf besteht genau jetzt, nicht irgendwann.

Manfred Reinertz Barriera 17.06.202607:56 Uhr

Dann hoffen wir, dass unser CEO sich der Sache mal persönlich annimmt, um den Forderungskatalog der LVDS zu verwirklichen, ohne wenn und aber..., bevor er wieder in den Wald spazieren geht und das Ganze dann vergessen wird...

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