Serie: „Verteidigung made in Luxembourg“
Uplift360 macht aus Abfall neues Militär-Equipment – und damit Europa resilienter
Jedes Jahr werden Millionen gebrauchter Schutzwesten für immer eingelagert oder für viel Geld vernichtet. Ein luxemburgisch-britisches Start-up will das ändern – und Europas Verteidigungsindustrie damit nachhaltiger und unabhängiger machen.
Eine Faser, fünf Mal stärker als Stahl: Para-Aramid-Fasern sind die Grundlage von kugelsicheren Schutzwesten für Polizisten und Soldaten Foto: Editpress/Alain Rischard
Sam Staincliffe hält ein schwarzes Gebilde hoch, es sieht aus wie ein dunkles Dreieck mit eingedrückten Flügelseiten. Obwohl nur wenige Zentimeter dick, wiegt es doch einige Kilo. Sie hebt das Dreieck mit beiden Händen vor Bauch und Brust, klappt die Seitenteile um ihren Körper. „So würde man diese Schutzweste tragen.“ Staincliffe ist CEO und Gründerin von Uplift360. Und was sie da gerade vorführt, steht im Zentrum der Arbeit des Start-up-Unternehmens mit Sitz in der Escher rue Henri Koch.
Serie: „Verteidigung
made in Luxembourg“
Der Besuch bei Uplift360 ist der vierte Teil unserer Artikelserie über die luxemburgische Verteidigungsindustrie. In dieser Reihe wollen wir in regelmäßigen Abständen Unternehmen porträtieren, die in einem Bereich der Wirtschaft aktiv sind, über den gerade viel gesprochen wird, aber wenig bekannt ist.
Staincliffe hat eine Ecke der Schutzweste aufgeschnitten. Darunter kommt eine gewobene Struktur zum Vorschein, die an der angeschnittenen Stelle in feine gelblich-grüne Fasern ausfranst. „Schutzwesten wie diese bestehen aus Para-Aramid-Fasern“, erklärt die CEO. Besser bekannt unter ihrem umgangssprachlichen Markennamen: Kevlar. Eine besonders starke und hitzebeständige synthetische Faser, einst erfunden von der US-amerikanischen Chemikerin Stephanie Kwolek.
Para-Aramid-Fasern sind heute weit verbreitet. Sie stecken in Kletterseilen und Fahrzeugteilen, in Motorradkleidung und Flugzeugtüren – und vor allem in kugelsicheren Westen. Polizei, Militär und Sicherheitskräfte auf der ganzen Welt tragen Westen aus Kevlar. Da diese Sicherheitsausrüstung jedoch nur fünf bis acht Jahre genutzt werden darf, werden jedes Jahr Millionen Stück aussortiert. Die landen jedoch nicht einfach auf der Müllkippe. Weil sie für Kriminelle interessant und nützlich sein könnten, müssen sie entweder sicher gelagert oder vernichtet, d.h. verbrannt, werden.
Das Problem: Para-Aramid-Fasern sind ein Material, das dazu erfunden wurde, eben nicht zu brennen. Es zersetzt sich erst bei Temperaturen um 450 Grad, verkohlt und erzeugt dabei Kohlenoxide, Stickoxide und geringe Mengen giftiger Gase wie Cyanwasserstoff. „Es verursacht massive Kosten für Verteidigungsministerien weltweit, um dieses Zeug zu verbrennen“, sagt Staincliffe. Doch das könnte bald nicht mehr nötig sein.
Recyceln statt vernichten
Uplift360 ist ein junges Unternehmen, gegründet 2021 im britischen Bristol von Sam Staincliffe und Jamie Meighan, die die Firma gemeinsam als Geschäftsführer leiten. Die beiden sitzen an einem Dienstagvormittag in einem der Laborräume von Uplift360, sie im klassischen Start-up-Hoodie, er im T-Shirt. Die meisten Geräte sind an diesem Tag mit Folien abgedeckt. Das Labor im „House of BioHealth“ wird gerade umgebaut. „Wir produzieren fortschrittliche Materialien aus einem reichlich vorhandenen und sehr kostengünstigen Rohstoff, den andere als Abfall betrachten würden, den wir jedoch als wichtiges Material ansehen“, erklärt Staincliffe. Bedeutet: Uplift360 will Millionen Schutzwesten recyceln – statt sie für teures Geld zu vernichten.
Sam Staincliffe ist gefragte Gesprächspartnerin bei vielen Veranstaltungen der Verteidigungsindustrie Foto: Editpress/Alain Rischard
Das Unternehmen hat zwei Standorte, einen in Bristol und einen in Esch. Während in Luxemburg mit Para-Aramid-Fasern gearbeitet wird, kümmert sich das Team in Großbritannien um Carbonfasern, ein weiteres weit verbreitetes Material. Technologisch gesehen sei die Arbeit an diesen beiden Orten völlig unterschiedlich, erklärt Staincliffe. Die Idee dahinter ist jedoch dieselbe: Wie kann man aus Abfall eben jene Materialien zurückgewinnen, die in Europa dringend gebraucht werden und deren Rohstoffe auf dem Kontinent nicht zur Verfügung stehen?
Um ein Kilogramm Kevlar herzustellen, braucht es 18 Kilogramm Petrochemikalien, also chemische Verbindungen, die hauptsächlich aus Erdöl und Erdgas gewonnen werden. Zwei Rohstoffe, die Europa importieren muss. Mit der Methode von Uplift360 können Para-Aramid-Fasern ohne petrochemische Lieferkette hergestellt werden – und ohne Abhängigkeit von anderen Staaten, „die nicht immer unsere besten ökonomischen Interessen im Sinn haben“, so die CEO.
Abfall ist einfach die Mine des 21. Jahrhunderts, und wir haben den Code entwickelt, um diese Mine zu erschließen
Sam Staincliffe
Gründerin und CEO von Uplift360
Die Idee hinter Uplift360 entsprang den beruflichen Erfahrungen von Staincliffe und Meighan, die beide in unterschiedlichen Rollen in der Verteidigung gearbeitet haben. Meighan war 25 Jahre lang beim Militär, zuletzt war er für die UN tätig. Er sei viel in afrikanischen Ländern unterwegs gewesen, erklärt er, im Kongo, Mali, der Zentralafrikanischen Republik. Dort habe er die Auswirkungen der globalen Abfallströme erlebt. „Wir geben unsere Probleme einfach an sie weiter“, sagt Meighan.
Staincliffe verbrachte Zeit im Mittleren und Nahen Osten und in Afghanistan, eingebettet zunächst bei der US Air Force, dann bei den Briten. „Eine der operativen Aktivitäten, an denen ich beteiligt war, war die Frage, wie wir all unsere Sachen aus Afghanistan herausholen können.“ Dabei sei es meist nur um eine Frage gegangen: Sollen wir es verbrennen oder vergraben? „Hunderte und Tausende von Schutzwesten wurden in Afghanistan verbrannt“, erinnert sich Staincliffe. Dass niemand auch nur auf den Gedanken kam, nach einer Alternative zu suchen, hat sie erstaunt – und die Grundlage für ihr Unternehmen geschaffen. „Wir beide sahen die Welt der Verteidigung als eine Welt, die sich verändern musste“, sagt Meighan.
18
Kilogramm Petrochemikalien sind nötig, um ein einziges Kilogramm Kevlar herzustellen
Heute erlebt Uplift360 – Achtung, Wortspiel – mächtig Aufwind. Das Unternehmen hat sich jüngst in einer „Seed Funding“-Runde 7,4 Millionen Euro Kapital gesichert. Ende vergangenes Jahr saß Staincliffe auf dem Podium beim Launch-Event von LuxDefence, der Vereinigung des luxemburgischen Verteidigungssektors. Am Freitag ist sie zur Sicherheitskonferenz nach München gereist. Die beiden Geschäftsführer und Gründer sind gefragte Gesprächspartner. Wen wundert es? Ihr Unternehmen erfüllt alle Kriterien der gegenwärtigen politischen Diskurse: Verteidigungsfähigkeit erhöhen, check. Europäische Resilienz stärken und Unabhängigkeit von globalen Lieferketten schaffen, check. Nachhaltigkeit, check. Und dazu noch eine weibliche CEO in einer männerdominierten Branche.
Nach Luxemburg kam das Unternehmen noch zu Zeiten des grünen Verteidigungsministers François Bausch. Im Jahr 2022, ein Jahr nach der Gründung, waren Staincliffe und Meighan auf der Suche nach einer kontinentaleuropäischen Basis. Ihr Vorstandsvorsitzender Richard Nugee, ein Drei-Sterne-General a.D., hatte Verbindungen zur luxemburgischen Regierung. „Er ist so etwas wie eine weltweite Autorität auf dem Gebiet der Grünen Verteidigung“, sagt Staincliffe. Und Luxemburg sei eben eine der ersten Nationen gewesen, die „Grüne Verteidigung“ tatsächlich ernst genommen hätten – von einem Standpunkt der Resilienz und Wirtschaftlichkeit aus.
Skalieren, wachsen und Verträge schließen
Uplift360 ist auch ein Beispiel für den Erfolg der Aufrufe für Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich der Verteidigung, die das luxemburgische Wirtschaftsministerium zusammen mit der Verteidigungsdirektion lanciert. Uplift360 gewann damals noch als britische Firma eine Förderung im ersten Aufruf und siedelte sich daraufhin im Großherzogtum an. „Es ist eine Freude, mit dem Wirtschaftsministerium und der Verteidigungsdirektion zusammenzuarbeiten“, sagt Staincliffe heute. „Sie haben eine echte Vision beim Thema Resilienz.“
Jamie Meighan hat zweieinhalb Jahrzehnte Militärerfahrung Foto: Editpress/Alain Rischard
Und tatsächlich könnte Europa militärisch unabhängig werden, wenn es all die Materialien recycelt, die sonst zerstört oder eingelagert werden. „Es gibt genug Material, um Hunderttausende Drohnen und andere Dinge zu produzieren, die wir brauchen“, sagt Staincliffe. „Abfall ist einfach die Mine des 21. Jahrhunderts, und wir haben den Code entwickelt, um diese Mine zu erschließen.“
Die Technologie dazu hat Uplift360 von Grund auf neu entwickelt. Keine leichte Aufgabe. „Wir arbeiten mit Material, das nicht dafür gedacht wurde, recycelt zu werden“, sagt Meighan. In Esch sind die Chemiker des Unternehmens gerade mit der Aufgabe beschäftigt, „gebrauchte“ Para-Aramid-Fasern in eine Flüssigkeit zu verwandeln – und dabei ihre Eigenschaften beizubehalten. Aus dieser Flüssigkeit können dann neue Fasern gewonnen werden.
20 Mitarbeiter hat das Unternehmen insgesamt, in Esch arbeiten sechs, bald acht. Luxemburg habe keine einheimische Chemie-Industrie, sagt Staincliffe. Deshalb sei es schwer, Spezialisten zu finden. Das Team besteht aus unterschiedlichen Nationalitäten, eine Person mit doppelter Staatsbürgerschaft hat auch einen luxemburgischen Pass.
„Noch stecken wir in der Entwicklungsphase“, sagt Staincliffe. Doch das Ziel für 2026 ist klar: Die Technologie skalieren, wachsen und dann erste Verträge mit Verteidigungsministerien und privaten Akteuren abschließen. In Großbritannien seien sie gerade dabei, eine Pilotanlage aufzubauen, „Europas erste Anlage zur Regenerierung von Carbonfasern“, sagt Meighan. Das ultimative Ziel, so der CEO, sei industrieller Größenmaßstab – und das nicht nur an einem Ort. Es könnte also bald eine Uplift360-Fabrik in Luxemburg eröffnen.
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