Einwechselspieler
Wenn die Bank liefert: Die WM der „Super Subs“
Deniz Undav ist einer von vielen Topjokern bei dieser WM. Entscheiden am Ende die Einwechselspieler das Turnier?
Der Superjoker dieser WM: Deniz Undav Foto: AFP/Alexander Hassenstein
Deniz Undav ist in aller Munde. Die internationale Presse feiert Deutschlands „Super Sub“, und während in der Heimat aufgeregt diskutiert wird, ob der Topjoker nicht sogar von Anfang an spielen sollte, scheint sich der Torjäger, der im Frühjahr noch vehement in die Startelf gedrängt hatte, immer mehr mit seiner Rolle anzufreunden. Man habe „ein gemeinsames Ziel“, und wenn es gerade doch so gut funktioniere?
Undav ist jedenfalls der Superjoker inmitten mehrerer Stars, die bei der XXL-WM immer wieder Spiele nach Einwechslungen mitentschieden, ob Johan Manzambi, Marcus Rashford – oder Helio Valera von den Kapverden. Holt am Ende vielleicht sogar das Team eines Trainers, der die besten Asse aus dem Ärmel zaubern kann, den Titel? Es wäre nicht das erste Mal in der WM-Geschichte.
Rekord 2014
Das wichtigste Jokertor der jüngeren Historie haben deutsche Fußballfans noch genau vor Augen. Es lief die 113. Spielminute, als Mario Götze, erst kurz zuvor ins Spiel gebracht, Deutschland nach einer Flanke des ebenso eingewechselten André Schürrle unnachahmlich zum WM-Titel schoss. 2014 fielen ohnehin die meisten Treffer durch Joker in der WM-Geschichte (32), die Bestmarke dürfte in den 104 Partien in diesem Jahr übertroffen werden.
Auch durch die gestiegene Belastung im Zeitalter der zusätzlichen oder aufgeblähten Wettbewerbe könnten Joker bei fünf Wechselmöglichkeiten „so wichtig sein wie selten zuvor“, mutmaßte der frühere DFB-Kapitän Ilkay Gündogan vor dem WM-Start. Bislang behielt er Recht. So kamen Manzambi und Rubén Vargas von der Bank und ließen die Schweizer gegen Bosnien-Herzegowina (4:1) spät jubeln. Der Kapverdier Varela traf drei Minuten nach seiner Einwechslung zum 2:2 (1:2) gegen Uruguay.
Selbst Thomas Tuchel, der sich womöglich vom Konzept der „Finisher“ im Rugby inspirieren ließ, wurde von Wayne Rooney für seine „Zocker“-Mentalität gefeiert. „Ich liebe diese Einwechslungen“, schwärmte Englands Ikone. Der Teammanager hatte mutig gewechselt: Ins Spiel kamen Buyako Saka, Morgan Rogers und Rashford, der beim 4:2 gegen Kroatien spät für die Entscheidung sorgte. Das Motto: Wenn der Gegner müde ist und die Konzentration nachlässt, schlägt die Stunde der Einwechselspieler.
16 Sekunden
Tuchel wies zugleich auf das Spannungsfeld hin, in dem sich viele Trainer mit ihren Stars bewegen. Jeder Profi – auch Undav – will von Beginn an spielen, aber es brauche „diese Qualität“ von der Bank, sagte er. Für einige sei die Rolle neu, aber es sei nunmal „eine ganz besondere Zeit, und sie identifizieren sich mit der Idee, dass wir es als Team schaffen.“
Eingeführt wurden Einwechslungen zur WM 1970. Damals machte sich Jürgen Grabowski als „bester Einwechselspieler der Welt“ einen Namen, Uruguays Richard Morales gelang in der Zwischenzeit das schnellste WM-Jokertor nach 16 Sekunden (2002). Und während David Odonkor und Oliver Neuville das „Sommermärchen“ 2006 so richtig starteten, beendete es Italiens Alessandro Del Piero nach seiner Einwechslung im Halbfinale.
Für einen Meilenstein sorgte Roger Milla, der 1990 mit fünf Joker-Assists für Kamerun herausstach. Undav benötigte 56 Minuten, um gleichzuziehen. „Das ist doch top für ihn gerade“, sagte Julian Nagelsmann über Undavs Rolle, „viel mehr Entscheider als er kann man nicht sein. Warum sollte ich seinen Flow jetzt brechen?“ Und dennoch versicherte der Bundestrainer, dass ein Startelfeinsatz des Stuttgarters „nicht ausgeschlossen“ sei. (SID)