Forum von Mehmed Kuč & Claude Haagen

Wenn Arbeit nicht vor Armut schützt: Working Poor in Luxemburg

Working Poor, also Menschen, die trotz Arbeit arm sind, gelten oft als Randphänomen. In Luxemburg sind sie es nicht. Nach Eurostat-Angaben waren 2024 in Luxemburg 13,4 Prozent der Erwerbstätigen armutsgefährdet. Damit ist Luxemburg leider europäischer Spitzenreiter und weit über dem EU-Durchschnitt (8,2%) Das bedeutet, dass Arbeit nicht automatisch vor finanzieller Unsicherheit schützt.

Manche Luxemburger Einwohner müssen jeden Cent umdrehen, um über die Runden zu kommen

Manche Luxemburger Einwohner müssen jeden Cent umdrehen, um über die Runden zu kommen Foto: Stefan Jaitner/dpa

Besonders deutlich wird es in Luxemburg-Stadt: 2020 lebten dort laut einer LISER-Studie 11.243 Beschäftigte unter der Armutsgrenze von 1.942 Euro Monatslohn. Das entsprach 22,3 Prozent der dort wohnhaften Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Schlusslichter in dieser Kategorie waren das Bahnhofsviertel und Bonneweg-Süd.

Als Hauptgrund dafür nennt die Studie die hohen Miet- und Immobilienpreise. Für viele Haushalte verschlingt die Miete einen enormen Teil des Einkommens, teilweise fast die Hälfte. Selbst Menschen mit festem Arbeitsplatz geraten dadurch unter Druck. Haushalte mit niedrigen oder mittleren Einkommen müssen oft zwischen Wohnen, Mobilität und anderen grundlegenden Ausgaben abwägen. Luxemburgs Rolle als wichtigstes Beschäftigungszentrum der Großregion hat den Druck auf den Immobilienmarkt zusätzlich verschärft. Dadurch hängt finanzielle Sicherheit immer stärker von der Wohnsituation ab und nicht mehr allein davon, ob jemand arbeitet oder nicht. Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Beschäftigte in Reinigung, Pflege, Gastronomie und Einzelhandel tragen das höchste Risiko. Dort treffen niedrige Löhne und unsichere Arbeitsverhältnisse auf hohe Lebenshaltungskosten.

Zur Person

Wenn Arbeit nicht vor Armut schützt: Working Poor in Luxemburg

Foto: privat

Claude Haagen ist LSAP-Abgeordneter und Vizepräsident des parlamentarischen Arbeitsausschusses

Besonders Kinder betroffen

Solche Lebensumstände sind meist gravierend für Kinder, da sie einen schlechteren Zugang zu Freizeitaktivitäten, Nachhilfeunterricht, kulturellen Angeboten oder sportlichen Vereinen haben. Hinzu kommen beengte Wohnverhältnisse und fehlende Rückzugsmöglichkeiten. Die soziale Ausgrenzung spüren die Kinder vor allem, wenn Klassenkameraden auf Reisen gehen oder an Aktivitäten teilnehmen können, die für die eigene Familie unerreichbar bleiben. Dadurch entstehen Unterschiede, die sich langfristig verfestigen. Schlechtere Bildungschancen, weniger soziale Kontakte und geringere Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung führen dazu, dass soziale Ungleichheit nicht nur vererbt, sondern auch verinnerlicht wird. Denn wer von klein auf erlebt, dass bestimmte Wege verschlossen bleiben, beginnt allzu oft, diese Grenzen als naturgegeben zu akzeptieren. So entsteht ein gefährlicher Kreislauf, in dem die falsche Vorstellung genährt wird, Armut sei ein unausweichliches Schicksal statt das Ergebnis veränderbarer gesellschaftlicher Bedingungen. In einem Land mit enormem Wohlstand darf jedoch die Zukunft eines Kindes nicht davon abhängen, ob die Eltern trotz Vollzeitbeschäftigung finanziell über die Runden kommen.

Die Regierung hat mit dem nationalen Armutsplan Ende 2025 auch einen ersten Rahmen zur Bekämpfung der Arbeitsarmut vorgelegt. Der Plan deckt viele Bereiche ab und enthält durchaus konkrete Ansätze, etwa bei den Familienleistungen oder der Vereinfachung des Zugangs zu Sozialleistungen. Das ist aber nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Denn entscheidend ist, ob Armut strukturell bekämpft oder lediglich verwaltet wird. Wer sich zum Beispiel darauf beschränkt, niedrige Einkommen durch staatliche Zuschüsse auszugleichen, betreibt letztlich keine Armutsbekämpfung, sondern verteilt Almosen. So bleiben arbeitende Menschen in einer dauerhaften Abhängigkeit von Sozialleistungen, anstatt sich durch ihre eigene Arbeit emanzipieren zu können.

Gehalt reicht oft nicht aus

Besonders deutlich wird diese problematische Logik in den Aussagen des Präsidenten des Arbeitgeberverbandes UEL. Seine Forderung, der Staat müsse einspringen, wenn der Mindestlohn nicht zum Leben reicht, da eine Erhöhung für viele Betriebe nicht tragbar sei, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Sie läuft darauf hinaus, dass unzureichende Löhne politisch akzeptiert und durch die Allgemeinheit kompensiert werden sollen. Damit wird die Arbeit des Einzelnen entwertet. In dieser Logik schafft die Niedriglohnarbeit Wert für den Arbeitgeber, reicht aber nicht für ein selbstbestimmtes Leben aus und wird zugleich indirekt von der Kollektivität subventioniert. Sozialleistungen, finanziert aus Steuergeldern, sichern so ein System, in dem Unternehmen ihre Wertschöpfung und also ihre Gewinne auf Kosten niedriger Löhne optimieren können. Eine solche Logik ist nicht annehmbar.

Beim Mindestlohn verweist der Armutsbekämpfungsplan der Regierung auf die Indexierung und die Umsetzung der europäischen Richtlinie zu angemessenen Mindestlöhnen. Eine weitergehende Anpassung an die tatsächlichen Lebenshaltungskosten in Luxemburg ist nicht vorgesehen. Dabei zeigen die Zahlen deutlich, dass Vollzeitarbeit zum Mindestlohn für viele Haushalte, insbesondere Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern, nicht ausreicht, um die laufenden Kosten zu decken. Wer in einem der reichsten Länder der Welt Vollzeit arbeitet, darf aber nicht armutsgefährdet sein.

Mindestlohnerhöhung gefordert

Strukturelle Änderungen brauchen Zeit, und greifen nicht von heute auf morgen. Deshalb ist es weiterhin wichtig, das System der Sozialhilfen zu erhalten, auszubauen und abzusichern. Und gerade deshalb kommt ein Plan, der die drängendsten Maßnahmen mehrheitlich auf 2026 und 2027 vertagt, für viele betroffene Haushalte zu spät. Für Haushalte, die heute mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Miete aufwenden, ist das eine zu lange Wartezeit. Steuerliche Anpassungen und allgemeine Sozialleistungen können diesen Druck nur begrenzt ausgleichen, solange der Wohnungsmarkt strukturell nicht entlastet wird.

Arbeit muss sich lohnen. Arbeit hat einen Wert, den es zu respektieren gilt, gesellschaftlich als auch finanziell. Deshalb fordern wir eine sofortige strukturelle Erhöhung des Mindestlohns um 100 € netto sowie eine weitere identische Erhöhung nächstes Jahr. Außerdem müssen die Kollektivverträge gestärkt und verbreitet werden – die EU-Direktive sieht eine 80% Quote vor – um die Fortentwicklung der Gehälter und der Karrieren zu gewährleisten.

Und schlussendlich ist es an der Zeit, in der Steuerfrage umzudenken. Nicht die Arbeit soll besteuert werden, sondern das Kapital. Das momentane Ungleichgewicht in der Besteuerung, zu Lasten der Arbeit des Einzelnen aufgrund der Gehaltssteuer, ist fundamental ungerecht, lässt aber tief blicken in einer reichen Gesellschaft, in der die Arbeit für Regierung und Unternehmerverbände offensichtlich nur rein betriebswirtschaftlich eine Rolle spielt.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

Anmerkung

4 Kommentare
Phil 24.05.202610:37 Uhr

Unsere Eltern waren nicht reich. Vater war Freiberufler, 6 Tage die Woche. Urlaub war ein rares Wort. Mal kurz auf die "Belsch Plaasch", mit dem Zug, denn ein Auto hatten wir nicht. Häusle bauen war die Devise. Mutter machte den Haushalt und versorgte uns, Kindergarten gab es nicht, aber Nachbarn. Einkaufen mit Korb und zu Fuß in der "Épicerie" im Ort. Ebenfalls per pedes ging's in die Primärschule, später im Bus ins Lyzeum. Monatskarten in die Stadt zahlte Vater welcher auf der Gare arbeitete. Die Lehrbücher zahlte er auch, manche haben wir auf dem Büchermarkt gefunden oder von älteren Klassenkameraden. Neue Kleidungsstücke bekamen die "Grouss", zum aufreiben an "déi Kleng" weitergereicht. Taschengeld gab es wenig, aber auf der "Fouer" konnte man gut kellnern. Nach Schulabschluss ein Job beim "Patron". Überstunden, Miete zahlen und der Rest aufs Sparbuch. Eigenes Dach war wichtiger als der Rest. Kleines Auto kam später. Wir hatten nicht viel, waren aber zufrieden... immer noch!

Manfred Reinertz Barriera 24.05.202605:01 Uhr

Also summa summarum kommt es am Ende eben immer wieder darauf an, doch endlich mal bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, und hier ist auch der Staat gefordert: um die Unzulänglichkeiten des privaten Marktes auszugleichen. Sozialer Wohnungsbau muss Abhilfe schaffen, siehe Wiener Modell oder Singapur-Lösung. Das Wohnen darf nicht mehr als 15-20 % des Einkommens betragen und sollte auch langfristig die Möglichkeit beinhalten, eine Wohnung zu erwerben, wegen des sozialen Friedens.

Fraulein Smilla 23.05.202618:15 Uhr

Immer wenn die Sozialisten in der Opposition sind ,laufen sie zur Bestform auf auf und strotzen nur so von Ideen wie man alles richtig machen kann .

Nando antwortete am 24.05.202615:44 Uhr

Das ist doch umgekehrt auch so, Opposition heisst fordern, regieren dagegen liefern.

Grober J-P. 23.05.202617:04 Uhr

"Mindestlohns um 100 € netto" Und Sie sind echt davon überzeugt, dass die 100 € eine Familie aus der Patsche helfen könnte? Nein. Es müssen andere Maßnahmen her.

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