Editorial
Warum Autokraten die freie Kunst ins Visier nehmen
Die einen Künstler kämpfen für die Demokratie, die anderen stellen sich in den Dienst eines autoritären Regimes. Manche benutzen Humor und Satire als Ausdrucksmittel.
Freund des Autokraten: Waleri Gergijew mit Wladimir Putin Foto Mikhail Klmentyev/Imago, ITAR-TASS
Gilberto Gil, Caetano Veloso, Marisa Monte, Sônia Braga, Wagner Moura, Fernando Meirelles – die Liste der Kulturschaffenden, die im brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf den linken Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva unterstützten, lässt sich weiter fortsetzen. Denn vielen ist der kulturpolitische Kahlschlag von Flávio Bolsonaros Vater Jair noch in böser Erinnerung.
Die Politik des „Tropen-Trump“ war unter anderem von einem autoritären Kulturkampf geprägt, der sich gegen Diversität, Minderheiten und linke, progressive Einflüsse richtete. Jair Bolsonaro schuf faktisch das Kulturministerium ab, kürzte oder strich Förderungen für kulturelle Projekte und diffamierte Künstler öffentlich als „Schmarotzer des Systems“. Nicht zuletzt kam dabei auch seine Allianz mit den evangelikalen Kirchen zum Tragen.
Daran erinnert auch stark der radikale, als „Kettensägen-Politik“ bezeichnete Sparkurs des argentinischen Präsidenten Javier Milei, der auf eine weitgehende Kommerzialisierung und den Entzug staatlicher Förderungen für die Kulturszene Argentiniens abzielt. Milei ließ darüber hinaus die Budgets von Kulturzentren und Museen, die sich mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur befassen, beschneiden. Dies ging bis hin zur Schließung der Einrichtungen.
Einen besonders aggressiven Kurs fährt längst Donald Trump. Auch sein Kulturkampf richtet sich gegen eine angebliche „woke“ Kultur und ist von einer ideologischen Neuausrichtung geprägt. Anstelle einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und Geschichte des Landes sollen konservative, patriotische Werte gefördert werden. Dies zeigt sich an Beispielen wie Trumps Übernahme des Kennedy Center und den Eingriffen in die Museen der Smithsonian Institution, andere betreffen Zensur und Aussonderung von Büchern im Bildungswesen.
In eine ähnliche Richtung weist die Kulturpolitik des israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu, der staatliche Förderung für Künstler, Museen und Theater an deren Treue zum Staat Israel koppeln will und dabei die Kunst- und Meinungsfreiheit angreift. Nicht anders propagieren es ultrarechte Bewegungen und autokratische Machthaber in Europa. Schließlich hängen Kunstfreiheit und Demokratie eng zusammen. Die eine ist ein Gradmesser der anderen. Und autoritäre Herrscher fürchten die Freiheit der Kunst.
Andererseits haben sich immer wieder Künstler in den Dienst von Diktaturen gestellt, etwa im Dritten Reich der Bildhauer Arno Breker, der Komponist Richard Strauss und der Schauspieler Emil Jannings, die auf einer „Gottbegnadeten-Liste“ unter besonderen Schutz des NS-Regimes gestellt wurden. Als „mephistophelischen Pakt“ könnte man die Rollen des Dirigenten Herbert von Karajan und des Schauspielers Gustaf Gründgens bezeichnen. Letzterer wird in Klaus Manns Schlüsselroman „Mephisto“ als eitler „Affe der Macht“ porträtiert. Karajan und Gründgens erwiesen sich nicht als Ideologen, sondern vor allem als Karrieristen und Opportunisten.
In jüngerer Zeit ist der russische Dirigent und Intendant Waleri Gergijew, ein Freund und finanzieller Nutznießer des russischen Präsidenten Wladimir Putin, in die Rolle gerückt. Dies gilt ebenfalls für den Filmregisseur und Produzenten Nikita Michalkow. Ein wesentlich komplizierterer Fall war hingegen Dmitri Schostakowitsch und dessen Verhältnis zur stalinistischen Diktatur. Das Leben des Komponisten war ein permanenter, nicht selten lebensbedrohlicher Balanceakt zwischen der erzwungenen Anpassung an das Sowjetregime und der künstlerischen Selbstbehauptung. Schostakowitsch schuf einerseits Propagandawerke, nutzte aber die Musik als komplexen doppelten Boden, indem er seine subversive Ironie versteckte. So schuf er sich seine eigene künstlerische Freiheit. Er war weder Widerstandskämpfer noch Apologet des Regimes. Solche wie ihn gab es nur wenige in der Stalinzeit. Vielleicht Michail Bulgakow mit seinen satirischen Werken. Auch er zeigte, dass Humor und Satire als Mittel der Subversion in finsteren Zeiten die Rettung sein können.